Kiran Mazumdar-Shaw ist Indiens reichste Frau
Teil 3: Eine Braumeisterin wird Biotech-Millionärin

Als Kiran Mazumdar-Shaw 1978 in einem gemieteten Schuppen ihr Unternehmen gründete, hätte sich kein Inder träumen lassen, dass die damals 25-Jährige zur reichsten Frau des Landes würde – und das durch Biotechnologie.

BANGALORE. Heute flitzt die Biocon-Chefin im silbernen Mercedes durch ihre Heimatstadt Bangalore und ist ein Symbol für die Innovationskraft einer neuen Generation indischer Unternehmer, die zur globalen Expansion ansetzen.

Wer sie trifft, merkt schnell, dass eine Frau mit so viel Selbstbewusstsein nicht zu bremsen ist. Ihr Redefluss hat die Kraft eines Monsunschauers, ihre Stimme dröhnt wie aus einem bassverstärkten Lautsprecher. Dabei leuchtet in ihren großen, dunklen Augen die Lebenslust einer stadtbekannten Partylöwin und das fröhliche Ungestüm des Wildfangs, der die Tochter eines Braumeisters schon als Kind war.

Biocon war aus der Not geboren: In den Fußstapfen ihres Vaters wurde Mazumdar-Shaw nach einem Studium in Australien Indiens erste Braumeisterin. Aber in der konservativen Männerdomäne schaffte sie es nicht einmal zum Vorstellungsgespräch. Mit 200 Dollar Startkapital entschloss sie sich daher, ihre Fermentierkenntnisse zur Herstellung von Enzymen aus Papayas und tropischen Fischen zu verwenden. „Es war fast unmöglich, Angestellte zu finden“, erinnert sie sich. „Niemand wollte für eine Frau arbeiten.“

Mit dem Charme und der Überzeugungskraft, die ihr über diese Hürde halfen, warb sie später talentierte junge Wissenschaftler an und überzeugte sogar in die USA ausgewanderte Spitzenkräfte, für Biocon in die Heimat zurückzukehren.

Ihr Engagement zahlt sich aus: Wegen ungewöhnlich flacher Hierarchien, großzügiger Gewinnbeteiligung der Angestellten und einem Familiengefühl unter den Mitarbeitern kürte die Personalberatung Hewitt ihr Unternehmen 2004 zu Indiens bestem Arbeitgeber. „Wer zu neuen Ideen motivieren will, muss Angestellten viel Freiheit lassen“, lautet Mazumdar-Shaws Credo bis heute.

Als sie in den 80er-Jahren den Traum hauseigener Forschung umsetzte und in den 90ern Biocons Fermentiertechnik zum Einstieg in den Biopharma-Sektor nutzte, erklärten Banker sie für verrückt. „Ich wurde zur Unberührbaren.“

Inzwischen hat das Unternehmen keine Finanzierungsprobleme mehr: Der Börsengang im vergangenen Jahr war 33fach überzeichnet. Biocons Aktienkurs stieg in den Himmel, seine Gründerin wurde praktisch über Nacht um 400 Mill. Dollar reicher, und Mitarbeiteraktien machten viele Angestellte zu Millionären. Die Anleger hoffen nun, dass Mazumdar-Shaws größtes Wagnis aufgeht: die Zuwendung zu selbstentwickelten Biopharmazeutika und deren Vertrieb unter eigener Marke. Damit hat sie vorigen Herbst mit der Vermarktung von Insulin in Indien begonnen.

Noch kann Biocon sein Billig-Insulin nur auf unregulierten Märkten verkaufen. Regulierungshürden in Europa und den USA verhindern den Markteintritt dort, aber eine Zulassung ist für die Kämpfernatur nur eine Frage der Zeit. Aus ihren Ambitionen macht sie kein Hehl: „Biocon soll zum größten Insulinhersteller der Welt werden.“ Das ist noch Novo Nordisk.

Einzuschüchtern scheint Indiens „Geschäftsfrau des Jahres 2004“ (Economic Times) nur der Erwartungsdruck des Kapitalmarkts auf immer höheres Gewinnwachstum. „Wachstum hat Grenzen“, ermahnt sie Analysten und Investoren bei jeder Gelegenheit. Gerade in der Biotech-Branche komme es in unregelmäßigen Schüben.

Den Namen hinter dem Bindestrich verdankt Mazumdar ihrem Mann John Shaw. Er ist ihr „Anker“, sagt sie. Als Vize-Chairman nutzt Shaw seine internationale Erfahrung als Manager für den Ausbau von Biocons Auslandsgeschäft.

Beck’s und tschechisches Pilsener trinkt die Brauerin am liebsten. Aber 15-Stunden-Arbeitstage lassen ihr kaum noch Zeit für ein ruhiges Bier. Muße findet sie allerdings für einen unbezahlten Nebenjob als Diplomatin: Statt dem Biocon-Logo prangt die Aufschrift „Irisches Konsulat“ auf der Glastür ihres Büros. Das ist ernst gemeint: „Ich stelle sogar Visa aus“, sagt die leidenschaftliche Irland-Liebhaberin. Ihr größtes Steckenpferd ist jedoch das Sammeln zeitgenössischer indischer Kunst. Etablierte Künstler kauft sie allerdings nicht: „Ich entdecke lieber neue, unbekannte.“ Überrascht hätte nur das Gegenteil.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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