Kodex-Chef Müller
„Ich räume ein, dass wir zu oft geschwiegen haben“

Der Vorsitzende der Corporate-Governance-Kommission, Klaus-Peter Müller, hat scharfe Kritik an der Gehaltspolitik der Investmentbanken geübt. Im Interview spricht er über exzessive Managerbezahlung, aber auch über die Gehaltsgarantie für Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick durch einen Großaktionär und das Verhältnis von Staat und Wirtschaft.
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Herr Müller, wären Sie in diesen Tagen manchmal lieber einfacher Bankangestellter statt prominenter Bankmanager?

Nein, wer einmal eine Führungsaufgabe übernommen hat, sollte auch in schwierigen Zeiten zu seiner Verantwortung stehen.

Trifft es Sie persönlich, wenn von gierigen Managern die Rede ist?

Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen, weil das ja hieße, dass ich mir den Schuh anziehe. Was ich aber bedaure, ist, dass nicht mehr differenziert wird.

Jüngsten Umfragen zufolge glauben 60 Prozent der Bevölkerung, dass Manager auch weiter kurzfristig handeln, statt auf langfristige Wohlstandssicherung zu setzen.

Ein erschütterndes Ergebnis vor allem deshalb, weil dieses Bild von Managern nicht der Wirklichkeit entspricht. Es gibt etwa 1 500 Top-Führungskräfte in der deutschen Wirtschaft. Das sind doch nicht plötzlich alles verantwortungslose Gesellen. Deshalb stelle ich die Frage, wie es zu einem so verzerrten Meinungsbild kommen kann?

Besser noch, wie ändert man es?

Vorleben! Wir, die Vorstände, Aufsichtsräte, leitende Mitarbeiter müssen beweisen, dass die pauschalen Urteile falsch sind.

Die Systemfrage ist damit noch nicht beantwortet.

Wir haben diese Frage mit der Sozialen Markwirtschaft vor 60 Jahren beantwortet, aber wir brauchen dringend eine Diskussion über die Werte, die unser Wirtschaftssystem ausmachen. Wo Gier und Geiz verherrlicht werden, da ist der umsichtig Handelnde der Dumme. Übersteigerter Egoismus ist eine Haltung, die eine Gesellschaft über kurz oder lang zerstört.

Abwerbeprämien oder goldene Fallschirme für Vorstände dürfte es dann nicht mehr geben.

Prämien, die nicht leistungsorientiert sind, sind Auswüchse, die nicht toleriert werden dürfen.

Als Söldnermentalität haben Sie das einmal gebrandmarkt.

Und ich werde das auch nicht zurücknehmen.

Sie und ihre Kollegen sind meist sehr still. Wäre es nicht besser, die schwarzen Schafe beim Namen zu nennen.

Ich räume ein, dass wir zu oft geschwiegen haben. Das mag den Eindruck schweigender Zustimmung erwecken. Daraus sollten wir lernen. Diese Offenheit würde ich mir dann aber auch in anderen Berufsständen wünschen.

Um ein Beispiel zu nennen. Karl-Gerhard Eick, Ex-Chef des insolventen Handelskonzerns Arcandor, hat sein Gehalt nicht vom Unternehmen, sondern vom Großaktionär bekommen. Die Kritik aus Wirtschaftskreisen daran war eher mau.

Bislang hat mich niemand danach gefragt. Aber ich scheue nicht zu sagen, dass ich die Garantie des Vorstandsgehalts durch einen Großaktionär nicht für akzeptabel halte. Die Gefahr ist zu groß, dass dieser Manager dann in eine zu große Abhängigkeit von einem Aktionär gerät.

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