Lloyds-Chef
Der Mut des Mr. Daniels

Ob Eric Daniels den 15. September 2008 verflucht? An diesem Tag bahnte sich die folgenschwerste Entscheidung seiner Karriere an. Der sonst so vorsichtige Vorstandschef der britischen Großbank Lloyds Banking Group wurde mutig. So mutig, dass es ihn am Ende seinen Posten kosten könnte.

LONDON. Am Abend dieses 15. September war der Chairman von Lloyds, Victor Blank, bei seinem alten Freund Gordon Brown auf ein paar Drinks eingeladen. Der Labour-Premier hatte ein großes Problem, bei dessen Lösung ihm Blank und Daniels helfen könnten. HBOS, der größte britische Immobilienfinanzierer war nach einem tollkühnen Wachstumskurs in den Sog der Finanzkrise geraten und stand kurz vor dem Kollaps. Browns wichtigstes Ziel: Es durfte keinen zweiten Pleitefall Northern Rock geben, zu groß wäre der Vertrauensschaden für das Finanzsystem, wenn noch einmal Bilder von Schlange stehenden verängstigten Sparern über die Fernsehschirme flimmern würden.

Vielleicht hätten Blank und Daniels aber Interesse an einer Übernahme? Die Versuchung war groß, Brown war bereit in Sachen Kartellrecht alle Bedenken außer Acht zu lassen, und Daniels hatte die Chance, einen Bankriesen mit 38 Mio. Kunden und einem Marktanteil von 30 Prozent auf dem Hypothekenmarkt zu schmieden. In normalen Zeiten hätten die Wettbewerbshüter dem Geschäft einen Riegel vorgeschoben, weil der kritische Marktanteil auf 25 Prozent begrenzt ist.

Daniels schlug zu und sicherte sich HBOS für 12,2 Mrd. Pfund, zahlbar in eigenen Aktien. Damals, im September 2008, wirkte das noch wie ein Schnäppchenpreis, dennoch hätten viele Daniels, der in der Londoner Finanzszene unter dem Spitznamen der „stille Amerikaner“ bekannt ist, so viel Wagemut nicht zugetraut.

Der Sohn eines deutschen Professors und einer chinesischen Mutter, galt als ausgesprochen zurückhaltend und vorsichtig. Aufgewachsen ist er im US-Bundesstaat Montana. Nach dem Studium begann der 57-Jährige seine Karriere bei der Citigroup und blieb dort 25 Jahre. 2001 wechselte er zur fünftgrößten britischen Bank Lloyds TSB und stieg dort vor sechs Jahren zum Vorstandschef auf. Daniels konzentrierte sich auf den Ausbau des Privatkundengeschäfts und hielt sich mit Ausflügen in neue Geschäftsfelder zurück. Weil Lloyds auch bei der Vergabe von Hypotheken vorsichtig agierte, kam die Bank glimpflich durch die Kreditkrise – bis zur Übernahme von HBOS.

Vor kurzem räumte Daniels ein, dass er unter normalen Umständen einen so großen Kauf dreimal so intensiv geprüft hätte. Aber alles musste so schnell gehen. Innerhalb kürzester Zeit war die Übernahme perfekt, und Brown unterstützte den Deal mit einer Kapitalspritze von 17 Mrd.Pfund. Dafür bekam der Staat einen Anteil von 43 Prozent an dem neuen Finanzriesen.

So stellte sich erst nach der Übernahme heraus, dass HBOS 2008 Verluste in Höhe von knapp elf Mrd. Pfund angehäuft hat. Daniels blieb keine andere Wahl, als unter den Rettungsschirm der britischen Regierung zu flüchten. Im Gegenzug wird der Staatsanteil wohl auf 65 Prozent steigen.

Aus dem grundsoliden Geldhaus Lloyds TSB ist eine quasi verstaatlichte Bank mit enormen Risiken in der Bilanz geworden. Der Aktienkurs stürzte binnen eines Jahres um knapp 80 Prozent ab. Die Aktionäre, die die Bank als soliden Dividendenwert schätzten, schäumen vor Wut, und fordern Konsequenzen. Lange war unklar wer das erste Bauernopfer werde bringen müssen, am Ende war es Chairman Blank, der seinen Rücktritt ankündigte. Aber Daniels ist damit noch nicht aus dem Schneider. Einige Großaktionäre fordern auch seinen Kopf. „Es ist schwer vorstellbar, dass der Vorstandschef noch lange überlebt“, warnte Julian Chillingworth vom Vermögensverwalter Rathbone Brothers vor wenigen Tagen.

Kurzvita

1952: Geboren in Dillon im US-Bundesstaat Montana.

1975: Nach dem Studium am Massachusetts Institute of Technology (MIT) beginnt er seine berufliche Laufbahn als Trainee bei der amerikanischen Citibank und bleibt dort 25 Jahre – mit Stationen in den USA, Südamerika und Europa.

1998: Aufstieg zum Vorstand bei der Citibank Consumer Bank.

2000: Gründung der Internet-Finanzfirma Zona Financiera in Südamerika.

2001: Daniels wird Chef des Privatkundengeschäfts der britischen Bank Lloyds TSB.

2003: Daniels steigt zum Vorstandschef von Lloyds auf.

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