Manager wurde vor drei Monaten als wichtigster Banker gepriesen
Hans W. Reich: Ein Banker, der Staat macht

Hans W. Reich hat wieder zugeschlagen. Wochenlang hat er seine engsten Mitarbeiter am Frankfurter Palmengarten hinter fest verschlossenen Türen am neuesten Coup der von ihm geführten Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) tüfteln lassen.

FRANKFURT. Das Ergebnis schlug an den Finanzmärkten am Dienstag ein wie ein Blitzschlag: Die Bekanntgabe der fünfjährigen Wandelanleihe, die in Aktien der Deutschen Telekom getauscht werden kann, zog den Aktienkurs des ehemaligen Staatsmonopolisten um über vier Prozent in die Tiefe.

Doch der Schock der Märkte legte sich schnell. Mit dem Drücken des Aktienkurses wollten die Investoren vor allem die Bedingungen für die größte Wandelanleihe, die der weltweite Kapitalmarkt je gesehen hat, verbessern. Die Verhandlungen über die Konditionen dauerten am Dienstag den ganzen Tag über an. Am Ende wird vor allem eines feststehen: Die KfW wird an den Kapitalmärkten wieder ein neues Produkt eingeführt haben, das international Maßstäbe setzen wird.

Dies ist vor allem Hans W. Reich zu verdanken, der seit fast vier Jahren an der Spitze der staatseigenen Bank steht. Spätestens seit der Titelgeschichte in der „Wirtschaftswoche“, in der Reich vor drei Monaten als Retter der deutschen Kreditwirtschaft und wichtigster Banker des Landes gepriesen wurde, weiß die Branche, dass die KfW keine reine staatliche Förderbank mehr ist. Mit Reich wurde die KfW zur erfolgreichsten Innovationswerkstatt der Finanzindustrie: Während Sparkassen, Volks- und Privatbanken in der anhaltenden Ertrags- und Kostenkrise vor allem mit der Bewältigung der eigenen Probleme beschäftigt sind, produziert die KfW gute Ideen wie am Fließband.

Dazu gehört neben der Telekom- Umtauschanleihe etwa die Verbriefungsinitiative, mit der die Banken mit Unterstützung der KfW ihre Kreditbücher um Milliarden entlasten. Heute wird das Projekt in Frankfurt in seiner definitiven Form präsentiert. Dazu gehört zweitens die zum Jahreswechsel durch die Fusion mit der Deutschen Ausgleichsbank (DtA) entstandene KfW-Mittelstandsbank, die die Finanzierungsprobleme der kleinen und mittleren Unternehmen beseitigen soll. Hinzu gezählt werden muss auch das Programm „Kapital für Arbeit“, das Reich von einem frommen politischen Wunsch zur funktionierenden Maßnahme zum Abbau der Arbeitslosigkeit machte. Viertes Beispiel der Reichschen Kreativität ist der Vorschlag, eine „Kreditfabrik“ zu gründen. Weitere Initiativen, die das Eigenkapitalproblem des Mittelstands lösen sollen, sind in Vorbereitung. Und allen ist eines gemeinsam: Sie sind „marktmäßig“ konzipiert, wie Reich es ausdrückt. Will sagen: Die Projekte gehorchen den Gesetzen des freien Marktes und sind über die Finanzmärkte refinanziert.

Wer Hans W. Reich begegnet, erkennt nicht auf den ersten Blick, welche Power in ihm steckt. Der unscheinbare 62-Jährige, der selbst im brasilianischen Dschungel seinen grauen Anzug und die Krawatte nicht ablegt, wirkt kühl und zurückhaltend, wortkarg und steif. Hat Reich aber einmal Vertrauen gefasst, entpuppt er sich als ebenso kenntnisreicher wie humorvoller Gesprächspartner, der Anekdoten aus der ganzen Welt parat hat. Geradezu leuchtende Augen bekommt er, wenn die Rede auf Stahlprojekte kommt, deren Bau er mit KfW-Geldern in industriellen Schwellenländern gefördert hat – zum Nutzen der Gastländer und der deutschen Anlagenbauer.

Nicht nur die Industrie hat in Hans W. Reich und der KfW einen Fürsprecher in der Export- und Projektfinanzierung, ablesbar an vielen Aufsichtsratsmandaten. Auch die Bundesregierung hat – völlig unabhängig von ihrer parteipolitischen Konstellation – mit Reich einen wichtigen Ratgeber. Verwaltungsratschef der KfW ist Finanzminister Hans Eichel, dessen Stellvertreter Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Mit beiden pflegt er intensiven Kontakt. Es kommt sogar vor, dass Reich nachts oder am Wochenende Anrufe aus Berlin erhält, um etwa Einschätzungen über Kapitalmarkteffekte neuer politischer Pläne zu geben. Auch bei den Kanzlerrunden, bei denen es zuletzt um die Bankenkrise und die Kapitalnot des Mittelstands ging, sitzt Reich immer mit am Tisch. Für den Bund ist Reich zudem Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom.

Hans W. Reich, der seine Karriere als Lehrling der Dresdner Bank startete, ist immer wieder anzumerken, dass er am liebsten ein „ganz normaler Banker“ wäre – einer, der die Konkurrenz durch innovative Produkt- und Vertriebsstrategien in den Schatten stellt, der profitabel arbeitet und gute Zahlen abliefert. Den Begriff „Staatsbank“ mag er überhaupt nicht. Unter ihm hat es die KfW gezielt geschafft, auf dem Markt ein eigenes Image aufzubauen, das nichts mehr mit der Wiederaufbau-Funktion nach dem Zweiten Weltkrieg und immer weniger mit dem entwicklungspolitischen Auftrag zu tun hat.

Viele Kritiker stellen daher die Frage: „Darf die KfW als staatliches Institut das überhaupt?“ Auch diese Frage stellt Reichs Geduld auf die Probe. Die Antwort klingt wie sein Programm: „Ich lasse mir doch das Denken nicht verbieten.“

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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