Michael Ringier
Der Unsichtbare

Im Ausland beinahe unbemerkt, hat der Schweizer Michael Ringier einen Medienkonzern aufgebaut. In seinem Verlag erscheint die an die "Bild" erinnernde Zeitung "Blick". Doch sein liebstes Kind ist die deutsche Zeitschrift "Cicero". Viel Geld wirft sie nicht ab, laute Töne erzeugt sie dennoch.

ZÜRICH. Der Lange. Heute ist sein Tag. Ein Meter 96 steht in seinem Pass, gefühlt sind es zwei Meter, die Michael Ringier misst, wie er so vor einem steht. Wenn er sich dann wie ein Schweizer Messer auf einen Sitz klappt mit Tisch davor, prüft er unbewusst den Stauraum für die Beine. Morgens trugen sie ihn noch die Goldküste am Zürichsee entlang. Denn beim früheren Tennisstar des TC Fairplay, im Einzel auf Platz zehn der Schweizer Rangliste, steht im Terminplan das Lauftraining noch vor den Konferenzen. Er ist der schnellste und größte Verleger der Schweiz. Rein optisch und rein geschäftlich.

Wenn er heute vom Ergebnis seines familieneigenen Verlagshauses mitteilt, was er mitteilen will, wird sich zeigen, dass Ringier durchaus mit europäischen Maßstäben zu messen ist: 810 Millionen Euro Umsatz schaffte der Konzern, der seinen Namen trägt, im Jahr 2005. Die Summe verdiente er zum größeren Teil noch ohne Mithilfe Gerhard Schröders, den er zu seinem Berater gemacht hat und damit mal eben den ein oder anderen Aufmacher nicht nur im hauseigenen Blätterwald provozierte.

Im vergangenen Jahr soll es beim Umsatz mehr geworden sein, wobei das Ergebnis nach hohen Investitionen geringer ausfallen dürfte als jene 43 Millionen im Jahr davor. Ob hier das Honorar für den Ex-Kanzler zu Buche schlägt? Männergeheimnis.

Und überhaupt: Gegen die 20 Milliarden Umsatz der Bertelsmänner und Beraterhonorare, wie sie vielleicht in Gütersloh bezahlt werden können, ist der Ringier-Umsatz ein Klacks. Für einen allerdings, der sein Geld lange Zeit nur in der Schweiz verdiente, ist es eine ganze Menge. Nicht ohne Grund war vor drei Jahren, als Ringier mit Mathias Döpfner über eine Fusion redete, in den Zeitungen halb spöttisch, halb beeindruckt von einem Unternehmen namens „Springier“ die Rede.

Zwischen Genf und St. Gallen läuft tatsächlich nicht viel, was nicht in den Ringier-Medien seinen Niederschlag findet. Keiner „verunfallt“, ohne das es von „Blick“ oder der „Schweizer Illustrierten“ notiert würde. Keine Übernahme ohne Begleitmusik von „Cash“ . Kein Pendler in den Vorortzügen rund um Zürich entkommt der Gratis-Nachmittagszeitung „Heute“. In einem Land mit 7,4 Millionen Einwohner erreicht er so satte fünf Millionen Leser.

Aber die Auflage des Ringier-Zugpferds „Blick“ sinkt, weil auch die Schweizer mediensatt sind. Nicht zuletzt wohl deshalb trat gestern der Chefredakteur zurück. „Cash“ steckt in den roten Zahlen. Der ehemals multipräsente und in keiner Menge zu übersehende Verleger wird in der Schweiz „zunehmend unsichtbar“, sagt einer aus der Branche, den es nicht wundern würde, wenn Ringier einst zum Verkauf stünde.

Wenn der Verleger selbst darüber Auskunft geben soll, lädt er zu einem Essen ins Séparée ein, über den Dächern von Zürich. Er schmaucht anschließend eine Zigarre mit roter Binde und lässt den Rauch durch den Wintergarten ziehen, der das Verlagshaus in Seeufernähe krönt. „Als Verleger“, sagt er, „hat man in diesem Markt zwei riesige Hypotheken: Erstens ist das Land viel zu klein, um ausreichend große Nischen für neue Zeitschriften zu finden. Zweitens gibt es keinen Sprachschutz. Wenn Sie als Schweizer Verleger an den Kiosk gehen, bekommen Sie eine Depression. Da liegt alles, was es in Deutschland, Frankreich und Italien zu kaufen gibt.“

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