Nachfolge
Stahlharter Dreikampf bei Thyssen-Krupp

Das Rennen ist eröffnet. Nur noch wenige Monate hat jeder der drei Kandidaten Zeit, sich einen Vorsprung vor den Mitbewerbern zu verschaffen. Das Ziel ist das Spitzenamt bei Thyssen-Krupp. Spätestens im nächsten Frühjahr fällt die Entscheidung, wer im Januar 2011 Konzernchef Ekkehard Schulz beerbt. Es gibt drei Bewerber.

DÜSSELDORF. Die Kandidaten, die sich die größten Hoffnungen machen, sind die Thyssen-Krupp-Vorstände Olaf Berlien, Edwin Eichler und Alan Hippe. Auf sie kommt viel Arbeit zu. Der Aufsichtsrat des von der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Stahl- und Investitionsgüterkonzerns hat am Wochenende einen tiefgreifenden Umbau beschlossen. Dieser war zehn Jahre nach der Fusion der einstigen Rivalen Thyssen und Krupp überfällig. Viel zu spät habe das Management auf die Krise reagiert, vor allem die komplexe Führungsstruktur mit den vielen mitbestimmten Zwischenholdings habe ein schnelleres Durchgreifen unmöglich gemacht, sagt ein langjähriger Kenner des Konzerns. Deshalb gibt es jetzt nur noch zwei statt bisher fünf Geschäftsbereiche und kürzere Entscheidungswege.

Der Konzern muss schleunigst wieder auf die Erfolgsspur zurückkehren. Denn Thyssen-Krupp wird im Geschäftsjahr 2008/09 mehr als eine Milliarde Euro Verlust einfahren. Und Anzeichen für eine grundlegende Belebung der Stahlnachfrage sind bis Mitte 2010 nicht in Sicht. Der Konzern muss sich also aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen.

Eine Herkulesaufgabe vor allem für die beiden für das operative Geschäft verantwortlichen Konzernvorstände. Auf dem Papier hat Edwin Eichler, 51, den schwierigeren Part: Er muss als Chef der neuen Division Materials (Stahl, Edelstahl, technische Dienstleistungen) die größten Verluste ausgleichen, harte Verhandlungen mit den Arbeitnehmern über einen Stellenabbau führen und die hochdefizitäre Edelstahltochter für einen möglichen Verkauf oder eine strategische Partnerschaft aufhübschen. Beobachter gehen davon aus, dass ein dauerhafter Alleingang trotz anderer Aussagen von Konzernchef Schulz nahezu unmöglich sein wird.

Olaf Berlien, 47, hat als Verantwortlicher der neuen Division Technologies (Aufzüge, Anlagenbau, Werften und Autozulieferung) auch genügend Problemfälle zu lösen: Er muss den zivilen Schiffsbau (Frachter, Mega-Yachten) restrukturieren, weil die internationale Seefahrt am Boden liegt. Teile der Hamburger Traditionswerft Blohm & Voss sollen verkauft werden.

Lachender Dritter könnte deshalb Finanzvorstand Alan Hippe, 42, sein. Der ehrgeizige Manager, erst im April von Continental ins Ruhrgebiet gewechselt, hat bisher einen guten Job gemacht, heißt es im Konzern. Vor allem durch die Platzierung von Unternehmensanleihen habe er Thyssen-Krupp mit ausreichend Liquidität versorgt.

Gegen Hippe als neuen Konzernchef spricht allerdings, dass es bisher noch nie ein Finanzmann an die Spitze von Thyssen-Krupp geschafft hat. Außerdem ist er noch nicht einmal ein Jahr an Bord, wenn der Aufsichtsrat voraussichtlich im Februar kommenden Jahres den Schulz-Nachfolger kürt. Berlien und Eichler hingegen gehören dem Konzernvorstand seit dem Jahr 2002 an. Sie mussten aber bereits zweimal zurückstecken, weil der Vertrag von Schulz zweimal verlängert wurde.

Die Strapazen der vergangenen Monate sind an dem mittlerweile 68-Jährigen nicht spurlos vorübergegangen. Im Vorfeld der jüngsten Aufsichtsratssitzung kursierte das Gerücht, Schulz wolle vorzeitig die Brocken hinwerfen. „Der Hügel macht enormen Druck“, vermutet ein Topmanager aus der Stahlbranche.

Denn: Wann Schulz geht und wer sein Nachfolger wird – das letzte Wort hat Berthold Beitz, der Vertreter des Großaktionärs Krupp-Stiftung von der Villa Hügel in Essen.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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