Nicola Leibinger
Eine Frau wird Chef bei Trumpf

Überraschend vertraut Berthold Leibinger seine Nachfolge seiner Tochter Nicola an. Seine Älteste hat er für den Chefposten ausgewählt, nicht seinen Sohn und auch nicht seinen Schwiegersohn, obwohl beide als Spartenchefs ebenfalls in der Geschäftsführung sitzen.

DITZINGEN. Heute morgen habe sie im Deutschlandfunk gehört, dass vor genau 265 Jahren Maria Theresia den Thron der Habsburger bestiegen habe. „Das passt ja zu diesem Tag“, habe sie sich auf der Fahrt ins Büro gedacht, aber ansonsten unterscheide sie sich sehr von der österreichischen Kaiserin, sagt Nicola Leibinger-Kammüller. Wenig später nimmt Berthold Leibinger die Brille ab und wischt sich zwei Tränen aus den Augen. Selten hat man den charismatischen Chef der Trumpf-Gruppe so gerührt gesehen. Schnell findet Leibinger die Fassung zurück und setzt die Brille wieder auf.

Vor wenigen Minuten hat er seinen Rücktritt erklärt – nach fast vierzig Jahren in der Geschäftsführung von Trumpf und nach 27 Jahren an der Spitze des größten deutschen Werkzeugmaschinenbauers und – fast nebenbei – Weltmarktführers für Lasertechnologie. Vor 55 Jahren fing Leibinger bei Trumpf als Lehrling an, mit Erfindungen brachte er das Unternehmen mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz in die Weltspitze. Inzwischen gehört die Firma seiner Familie und einer Stiftung.

Nicht leicht fällt sie ihm, die Übergabe an die nächste Generation. Natürlich kennt er den Redetext seiner Tochter. Da spricht sie von Kontinuität und davon, sein Lebenswerk fortzusetzen. „Ich glaube, dass das bei dieser Frau gut aufgehoben ist. Sie wird das schon gut machen“, sagt Bertold Leibinger später. Dass der körperlich fitte 74-Jährige sich irgendwann zurückziehen würde, war klar, nur der Zeitpunkt blieb lange offen. Mit seiner Tochter gelang ihm zum Abschied ein Überraschungscoup.

Denn nach der Papierform führte Nicola Leibinger-Kammüllers Weg nicht gerade direkt in die Geschäftswelt. Ihr Vater habe sie an der langen Leine geführt. „Mach, was du am liebsten tust, aber das mit Spaß und Überzeugung“, war der väterlich Rat. Nicola Leibinger-Kammüller liebte Literatur, und sie folgte ihrer Neigung. „Da lag nahe, dass ich Germanistik und Anglistik studierte“, sagt die attraktive Frau mit den dunklen Augen heute. Ihr Lieblingsschriftsteller ist Thomas Mann, über das Spätwerk von Erich Kästner promovierte sie. Ihr Lieblingsroman sind die „Buddenbrooks“. „Das Buch habe ich bestimmt zwanzig Mal gelesen“, sagt die 45-Jährige. Jedes Mal habe sie in Manns Jahrhundertroman über die Lübecker Kaufmannsfamilie etwas Neues entdeckt.

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