Pokriefke drängt sich nie in den Vordergrund
Vom Paulus zum Saulus

Betriebsratschef Wolfgang Pokriefke geht auf Distanz zu Entscheidungen, die er bei Karstadt-Quelle mitgetragen hat.

DÜSSELDORF. Auf Wolfgang Pokriefke dürften die Aktionäre der angeschlagenen Karstadt-Quelle AG alles andere als gut zu sprechen sein. Der ehemalige Volksschüler aus Flensburg-Mürwik und gelernte Koch mit einem geschätzten Jahreseinkommen von 80 000 Euro hatte sie am Montag um 125 Millionen Euro erleichtert – mit nur einem Satz.

„Die Insolvenz ist durchaus ein Thema“, hatte er der Nachrichtenagentur Reuters gesteckt – und damit Anleger, Zulieferer und Kunden massiv verunsichert. Der Kurs der Karstadt-Quelle-Papiere sackte daraufhin um zehn Prozent ab.

Pokriefke muss es schließlich wissen. Der gebürtige Danziger mit der wuchtigen Stirnlocke und den inzwischen angegrauten Schläfen sitzt seit 32 Jahren im Betriebsrat von Karstadt. Vor zwei Jahren rückte er an dessen vorderste Spitze. Zudem ist der 61-Jährige Vize-Aufsichtsratschef von Karstadt-Quelle und damit zweitmächtigster Oberaufseher des angeschlagenen Essener Handelskonzerns.

Pokriefke, ansonsten eher ein vorsichtiger Mann, der lieber in Andeutungen spricht, als klare Marschrichtungen zu formulieren, hatte mit seiner unbedarften Hiobsbotschaft die Kollegen von der Gewerkschaft Verdi davon abhalten wollen, Karstadt-Quelle mit einem ruinösen Streik zu belegen.

Kompromisse schmieden, Kontrahenten zusammenbringen, vertrauensvolle Kontakte zu wichtigen Entscheidungsträgern knüpfen – all dies beherrscht der gut gebräunte Arbeitnehmerchef wie kaum ein anderer. In seinem Bremer Stammhaus, wo er sich bei den Kollegen hohes Ansehen verschafft hat, besitzt Pokriefke eine veritable Hausmacht, zu den Spitzen der hanseatischen Lokalpolitik unterhält der SPD-nahe Arbeitnehmervertreter einen kurzen Draht.

Diesem Talent hat der ehemalige Restaurantmitarbeiter, der sich persönlich nie in den Vordergrund drängt und selten zu großen Gesten neigt, den eigenen Aufstieg zu verdanken. Schon den langjährigen Karstadt-Chef Walter Deuss bewahrte er – mit den Kollegen aus dem Betriebsrat – vor dem Rauswurf durch die Großaktionärsvertreter. Widersacher um den ehemaligen Hertie-Aufsichtsratschef Guido Sandler, die den Sturz des Warenhauspatriarchen betrieben, ließen Pokriefke und Co. mehrfach im Aufsichtsrat abblitzen. Deuss bedankte sich und verschaffte den Betriebsräten komfortable Machtpositionen.

Das System des Ausgleichs funktionierte auch unter dem Deuss-Nachfolger Wolfgang Urban. Loyal unterstützte Pokriefke die meisten Entscheidungen des umstrittenen Konzernchefs, winkte im Aufsichtsrat vorzeitig dessen Vertragsverlängerung um weitere fünf Jahre durch.

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