Porträt: Robert Ragge
Der Aldi der Hotelbetten

Robert Ragge profitiert mit seinem Kölner Hotel Reservation Service von der Sparwelle bei Reisekosten. 1972 hat er in einem umgebauten Gemüseladen ganz bescheiden angefangen, heute kommt kein deutscher Hotelier mehr an seinem Unternehmen vorbei.

KÖLN. Robert Ragge hat auf den ersten Blick etwas von einem Oberstudienrat in den Mittfünfzigern: das Haar grau, die Geheimratsecken sichtbar, dazu eine schmale Lesebrille.

Aber Ragge ist erstens bereits 68 Jahre alt. Und zweitens kein Beamter, sondern ein agiler Unternehmer, der mit einer einfachen Geschäftsidee eine Branche revolutioniert hat. „Jeder wird einmal müde und braucht ein Bett“, sagt er und verdient sein Geld als Online-Makler von preiswerten Hotelbetten. In Zeiten, in denen Unternehmen bei den Reisekosten sparen, profitiert der Gründer und Chef des Kölner Hotel Reservation Service (HRS) vom Billigboom.

Im Internet hat er das Angebot von über 180 000 Hotels weltweit sortiert – die billigsten kommen zuerst. Dort klicken die meisten Kunden. Den Marktanteil schätzt der Branchenreport „Hotelmarkt Deutschland 2005“ auf 57,3 Prozent (2003).

„Wir machen unser Geschäft über die Masse“, bekennt sich Ragge zum Geschäftsprinzip des Discounters, „wir denken in Gesamtertrag, nicht in Stückertrag“. Doch der Titel „Der Aldi unter den Hotelbetten-Maklern“ gefällt ihm gar nicht, obwohl er im Markt faktisch diese Rolle spielt.

Der Sohn eines Gastwirtes („Gutbürgerliche Küche“) aus dem Ruhrgebiet, ein bekennender Schalke-Fan, begann bescheiden. Der Hotelkaufmann und Betriebswirt eröffnet 1972 in Köln ein Reisebüro „in einem umgebauten Gemüseladen“ mit zwei Mitarbeiterinnen und zwei Telefonleitungen. Hotelbetten sind damals knapp, besonders zu Messezeiten. Ragge fragt für seine Kunden alle Hotels in Köln ab und verschafft jedem ein Bett. Das spricht sich herum. So konzentriert er sich auf das Makeln von Hotelbetten. US-Ketten, die in Deutschland für Überkapazitäten sorgen, erleichtern ihm das Geschäft.

„Ragge – das ist die Bilderbuchgeschichte eines Pionierunternehmers“, lobt ein Branchenkenner des Hotelgewerbes, „heute kann kein deutscher Hotelier auf seine Listung bei HRS verzichten.“

Er ist der Konkurrenz immer einen Schritt voraus. Erst entwickelt er ein Computer-Reservierungssystem, dann veröffentlicht er ein 400-seitiges, internationales Hotelverzeichnis – und wächst. Das Internetportal bringt ihm 1996 neue Kunden. HRS steigt zum Quasi-Monopolisten auf. „Wir sorgen für Transparenz“, sagt Ragge, „das hat eine in der Branche früher nicht gekannte Preisdynamik ausgelöst.“ Auf gut Deutsch: Ragge drückt die Preise in einem Markt mit Überkapazitäten. Seine Kunden, zwei Drittel Unternehmen, buchen gebührenfrei günstige Zimmer. Und Ragge kassiert pro Bett rund zehn Prozent des Preises von den Hotelbetreibern.

Aber er sorgt nicht nur für Freude. „Wir sehen einige HRS-Vertriebsmodelle, vor allem bei Firmenkunden, sehr kritisch“, urteilt Rob Hornman, Geschäftsführer der Hotelgruppe Accor, der Nummer eins in Deutschland. Doch treffe man sich in einer „Partnerschaft auf Augenhöhe: „Wir machen ein gutes Geschäft mit HRS, und Robert Ragge verdient seinen Euro mit Accor.“ In der mittelständischen Hotellerie wird Ragge als „harter Knochen“ beschrieben, der unangemeldet Inspektoren in die Hotels schicke und beim Preispoker „seine Muskeln spielen“ lasse.

Sein Fast-Monopol hat Nachahmer angelockt. So schätzt Nielsen Netrating, eine Autorität im Hotelmarkt, dass der Konkurrent Hotel.de der HRS gefährlich nahe rückt. Nachprüfbar ist das alles nicht, denn Ragge nennt keine Zahlen. „Das würde nur Neid wecken“, beteuert er mit der Miene eines Märchenonkels. Laut Creditreform erwirtschaftete HRS 2003 – neuere Zahlen liegen nicht vor – einen Jahresüberschuss von knapp 11,3 Millionen Euro bei einem Jahresumsatz von 32,3 Millionen Euro. „Wir haben jede Expansion selbst finanziert, wir müssen keiner Bank gefallen“, sagt Ragge, der heute 200 Mitarbeiter in Köln, London, Paris und Schanghai beschäftigt.

Seit anderthalb Jahren arbeitet sein 29-jähriger Sohn Tobias, das älteste von vier Kindern, als Juniorpartner mit. Ans Aufhören denkt der Vater, der sich durch Schwimmen fit hält, aber noch lange nicht.

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