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Dieter Vogels dunkler Herbst

Dieter Vogel gehört zu den schillernsten Managern der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Doch der Ex-Thyssen-Chef hat wahrlich schon freudvollere Zeiten erlebt. Die Zahl seiner Aufsichtsratsposten schmilzt im Wochenrhythmus.

Heiß ist es im kleinen Sitzungssaal der Hamburger Firmenzentrale von Freenet. Einige Aufsichtsräte von Mobilcom fächeln sich Luft zu, seit Stunden sitzen sie im Mief. Die Stimmung ist gereizt.

Auch Aufsichtsratschef Dieter Vogel ist angespannt während der Sitzung am Montag dieser Woche. Ihm brennt ein wichtiges Thema unter den Nägeln: Was hat der neue Großaktionär Drillisch mit Mobilcom vor? Kauft er weitere Aktien zu, plant er eine Übernahme? Schlägt Drillisch zu, dürfte Vogel seinen Posten los sein.

Bei der Münchener Wacker Construction hat ihn die Realität bereits eingeholt. Am Donnerstag wollen die Familiengesellschafter und die Vorstände weiter zukaufen und damit wieder das Sagen bei dem Baumaschinenhersteller erlangen. Die Folge: Vogel soll dann zügig den Vorsitz im Aufsichtsrat räumen, heißt es in Firmenkreisen.

Und nun noch Bertelsmann: Auch dort droht ihm das Aus als Aufsichtsratschef: Der fast zwei Meter große Manager hat wahrlich schon freudvollere Zeiten erlebt, gehört er doch zu den schillernsten Managern der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Nach dem Ingenieurs-Studium rückt er mit 37 Jahren in den Vorstand des Pfälzer Teppichfabrikanten Pegulan, saniert den krisengeschüttelten Betrieb und stellt ihn neu auf. 1986 wechselt er zu Thyssen. Von seinen Mitarbeitern verlangt er Höchstleistungen, nervt häufig mit übertriebener Perfektionismus. „Er ist akribisch, manchmal pedantisch“, beschreibt ihn ein Vertrauter.

Trotz seiner eigenwilligen Art schafft es Vogel, das Vertrauen der Belegschaft auf seine Seite zu ziehen, als Krupp-Chef Gerhard Cromme den Konkurrenten Thyssen feindlich übernehmen will. Am Ende verliert er den Kampf, weil ihn die Berliner Staatsanwaltschaft wegen Veruntreuungen zu Lasten der Treuhandanstalt anklagt. Vogel tritt zurück – und bezeichnet Thyssen heute als „verflossene Liebe“.

Im Februar 2001 rückt er in den Aufsichtsrat der Deutschen Bahn. Hier macht er sich bereits nach kurzer Zeit unbeliebt, weil er beim Umbau des Logistikkonzerns aktiv mitarbeiten will. Vor allem bei Bahn-Chef Hartmut Mehdorn sowie in der Politik stößt er mit seinen Vorstellungen auf Gegenwehr. Vogel zieht die Konsequenzen und legt sein Amt nieder.

Dass der ehemalige Stahlmanager als Aufsichtsrat aktiv werden will, beweist er wenige Jahre später bei Mobilcom. Hier versucht er als Vermittler der Bundesregierung, die beiden heillos zerstrittenen Großaktionäre France Télécom und Gerhard Schmid zu vereinen – und wird dabei auch mal rabiat: „Herr Schmid, wenn Sie jetzt nicht den Treuhandvertrag unterzeichnen, fährt das Unternehmen an die Wand“, berichtet Vogel, habe er Schmid einmal gewarnt: Der aber ließ sich vom Untergangsszenario „Insolvenz und 5 000 Arbeitslose“ nicht beeindrucken. „Dann muss ich wohl andere Töne anschlagen“, brach Vogel das Telefonat ab.

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