Rechtsform
An der AG scheiden sich Familiengeister

Eine Börsennotierung ist für mittelständische Unternehmen ein großer Schritt, der mit vielen Vorteilen lockt. Dabei übersehen die Firmenlenker oftmals die Gefahren einer Veränderung der Rechtsform. Wann also lohnt sich die Aktiengesellschaft für kleinere Unternehmen, wann schadet sie eher?

FRANKFURT. Jochen Stotmeister, Vorstandsvorsitzender des Stühlinger Baustoffherstellers Sto, ist über den Status einer börsennotierten Aktiengesellschaft nicht mehr ganz glücklich: "Es gibt Konflikte zwischen den Zielen eines Familienunternehmens und denen der außenstehenden Aktionäre. Wir denken und lenken ganz einfach anders als der Aktienmarkt."

Zum Beispiel in der Dividendenpolitik: "Unsere Vorzugsaktionäre sehen ihre Aktien als Renditepapier und wollen hohe Dividenden sehen - die Familie möchte das Unternehmen und seine Bilanz stärken." So wollte Stotmeister im vergangenen Jahr seine Vorzugsaktionäre - die Stammaktien liegen bei zwei Familienstämmen - auskaufen und das Unternehmen nach dreizehn Jahren wieder von der Börse nehmen. Ohne Erfolg: Die institutionellen Anleger waren nicht bereit, sich aus dem Weltmarktführer für Wärmedämmung hinausdrängen zu lassen.

Was Stotmeister am meisten ärgert: "Die Verschärfung der Transparenz- und Publizitätsregeln in den vergangenen Jahren erlaubt unseren überwiegend mittelständischen Konkurrenten den vollen Einblick in unsere Entwicklung und Strategie - einseitig." Ihn tröstet es kaum, dass seine Zahlen in der Branche als Benchmark gelten. Ein Unternehmen mit 740 Mill. Euro Umsatz und 3 870 Beschäftigten wäre jedoch auch ohne Börsennotierung publizitätspflichtig, wenn auch nicht so detailliert.

Bernhard Kallup, Vorstandschef der Büromöbelgruppe Sedus Stoll, sieht die Publizität in ganz anderem Licht. Obwohl nicht börsennotiert, legt die AG, hinter der als Hauptaktionäre zwei Familienstiftungen stehen, detaillierte Geschäftsberichte vor. Er ist überzeugt, dass der - wie bei Sto - überwiegend mittelständische Wettbewerb "aus unseren Zahlen kein Kapital schlagen kann". Nach seiner Erfahrung ist die Offenheit nach innen und außen "mehr Ansporn als Behinderung: "Sie erzeugt eine Motivation, die viel Energie freisetzt." Zudem gäben die Pflichtübungen der AG wie Aufsichtsratssitzungen, die Kommunikation mit den Anteilseignern oder die Mitbestimmung kompetenter Mitarbeiter auch dem Management wichtige Impulse.

Vielen Familienfirmen dient die AG als Instrument der klaren Trennung der persönlichen Interessen der Gesellschafter von denen des Unternehmens. "Das kann man auch in anderen Rechtsformen intelligent regeln", wendet Arno Lehmann-Tolkmitt von der Mittelstandsberatung Intes ein. Doch mit der Aktiengesellschaft lasse sich das Ringen um eine entsprechende Unternehmenssatzung umgehen - hier sind die Kompetenzen von Hauptversammlung, Aufsichtsrat und Vorstand ebenso klar geregelt wie die wichtigsten Prozeduren. Bei der Wahl der Rechtsform sei jedoch zwischen den Kriterien Haftung, Nachfolge, Publizität, Steuer und Familieneinfluss abzuwägen.

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