Rhetorik-Ranking
Herr Kaeser und die großen Worte

Welcher Dax-Chef hält die verständlichste Rede? Siemens-Chef Joe Kaeser hat am Dienstag die Hauptversammlungssaison eröffnet, bekam aber eher mittelmäßige Noten. Chancen auf den Sieg haben andere.
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DüsseldorfDen Auftakt als erster Redner der Hauptversammlungssaison machte am Dienstag Joe Kaeser in der Münchner Olympia-Halle. Er hatte nach heftigen internen Machtkämpfen den glücklosen Peter Löscher bei Siemens abgelöst. Mit seinem Rede-Debüt 2014, mit dem er die verunsicherten Aktionäre auf seinen Kurs einschwören musste, schaffte er es auf Platz 15. Das war nicht gut, aber auch nicht ganz schlecht.

Auch in diesem Jahr blieb er rhetorisch exakt Mittelmaß, obwohl seine Rede um 1000 Wörter länger als im Vorjahr war, und er versuchte, mehr Aspekte anzusprechen, um seine Aktionäre zu beruhigen.

Der Kampf um die Redner-Krone auf den Hauptversammlungen 2015 ist damit eröffnet. Mit Spannung wird erwartet, welcher Chef der dreißig größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands diesmal die beste Rede vor den Aktionären hält. Dass BMW-Konzernlenker Norbert Reithofer wie auch schon im Vorjahr als Sieger aus dem Redner-Ring hervorgeht, steht nicht fest. Im Gegenteil.

Der promovierte Ingenieur muss sich auf ambitionierte Konkurrenz gefasst machen, die ebenfalls mit einer vollkommen verständlichen Rede bei ihren Aktionären punkten will. Der Vorsprung des Siegers vor diesen Verfolgern ist denkbar gering.

Joe Kaeser hatte bei seiner Rede eine schwierige Aufgabe. Denn der Siemens-Chef steht unter Druck: Die Zahlen des einstigen Finanzvorstands des Elektrokonzerns sind nicht besser als die seines Vorgängers. Aber nicht nur, dass die Chefs der umsatzstärksten Divisionen Energie und Gas sowie Medizintechnik ausscheiden, auch die Arbeitnehmer machen mobil. Zudem klagen Fonds gegen Siemens. Die größte rhetorische Aufgabe: Kaeser musste sich für den teuersten Deal der Siemens-Geschichte, die Übernahme des Öl-Dienstleisters Dresser-Rand aus Texas, erklären.

Auch, wenn der Siemens-Chef wegen des Geschäfts kaum Pluspunkte bei den Anlegern sammeln konnte, lief es zumindest rhetorisch besser. „Positiv fiel auf, dass er sich nicht hinter Fachbegriffen versteckte“, konstatiert Kommunikationsprofi Frank Brettschneider. Gebrauchte Kaeser doch mal einen in der Branche üblichen Ausdruck oder einen Anglizismus, erläuterte beziehungsweise übersetzte er ihn sofort.

So verstand zum Beispiel jeder im Publikum sofort, dass im Zuge der Digitalisierung Geschäfte im Bereich „remote services“, die Kaeser mit „Fernwartung für unsere Kunden“ übersetzte, Zukunft haben werden. Allerdings trübten die insgesamt zu langen Sätze, die Kaeser leicht leiernd und stockend vom Blatt ablas, wobei er häufig Satzteile unpassend betonte, diesen positiven Eindruck wieder leicht.

Kommentare zu " Rhetorik-Ranking: Herr Kaeser und die großen Worte"

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  • Der Kaeser ist ein guter Tänzer, .... aber sonst?!?

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