Risikonomics
Wo Statistik nicht mehr hilft

Noch mehr als Journalisten hasst Nassim Nicholas Taleb Wirtschaftswissenschaftler - und vor allem Banker, obwohl er früher selber einer war. Kein Zweifel, der Mann ist exzentrisch, widersprüchlich und ziemlich selbstverliebt. Dafür ist er aber so brillant, dass der in seinem Buch "Der schwarze Schwan" bereits vor zwei Jahren die große Kreditkrise und die meisten ihrer unerfreulichen Folgen vorausgesagt hat.

LONDON. Ein Interview mit Nassim Nicholas Taleb zu bekommen ist eine reichlich widersprüchliche Erfahrung. Das Vorhaben ist kompliziert, weil Taleb nicht gern Verabredungen länger als 24 Stunden im Voraus trifft - das engt ihn zu sehr ein. Aber gleichzeitig macht er es einem auch leicht, hält er sich doch jeden Morgen eine Stunde zwischen sieben und acht Uhr für unvermeidliche Fährnisse frei, zu denen manchmal eben auch Telefoninterviews mit deutschen Wirtschaftsjournalisten zählen.

Taleb hat viele solcher Eigenarten, einen Blackberry hält er für lästig und überflüssig, er liest 60 Stunden in der Woche, aber niemals Zeitungen oder Magazine, und das Fernsehen verabscheut er ebenfalls. Das alles ist ihm viel zu oberflächlich und sensationslüstern. Noch mehr als Journalisten hasst er aber Wirtschaftswissenschaftler - und vor allem Banker, obwohl er früher selber einer war.

Kein Zweifel, Taleb ist exzentrisch, widersprüchlich und mehr als nur ein bisschen selbstverliebt. Aber dafür ist er auch brillant und extrem unterhaltsam. Und er ist vor allem der Mann der Stunde, der Mann, der in seinem Buch "Der schwarze Schwan" bereits vor zwei Jahren die große Kreditkrise und die meisten ihrer unerfreulichen Folgen vorausgesagt hat.

Die Moral von Talebs Geschichte sieht im Wesentlichen so aus: Bei den meisten Wirtschaftswissenschaftlern und bei quasi allen Bankern handelt es sich um extrem gefährliche Gesellen, denen man dringend das Handwerk legen sollte. Denn es sind vor allem diese beiden Berufszweige, die die grundfalsche Mär verbreiten, dass wir in einer berechenbaren Welt leben, deren Zukunft sich mittels mehr oder minder komplexer mathematischer Risikomanagementsysteme prognostizieren lässt.

Die so geschmähten Berufsgruppen reagierten ziemlich erbost auf Talebs Überraschungsangriff. Entsprechend fielen die ersten Kritiken nach Veröffentlichung des "Schwarzen Schwans" in der Fachpresse kühl bis verheerend aus.

"Aber ich habe recht behalten, und die sogenannten Experten halten jetzt Kongresse ab, auf denen sie ihre Fehler diskutieren", freut sich Taleb. Fehler, die nach Meinung des New Yorker Autors für die Kreditkrise und damit für Schäden im Wert von Hunderten von Milliarden Dollar verantwortlich sind. Schäden, für die am Ende die Steuerzahler geradestehen müssen, weil es sich die Regierungen nicht leisten können, große Banken in die Pleite rutschen zu lassen. Denn das gefährdete die Stabilität des gesamten Finanzsystems.

Das ärgert Taleb maßlos, aber noch mehr ärgert ihn, wenn man sein Werk als Buch über die Kreditkrise herabwürdigt. Er selbst sieht sich als Philosophen und den "Schwarzen Schwan" als geisteswissenschaftliches Traktat. Tatsächlich geht es darin um weitaus mehr als um Finanzmärkte. Taleb denkt über das Risiko an sich nach oder, besser gesagt, über die Unsicherheit, die unser gesamtes Leben bestimmt.

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