Robert Dudley steht an der Spitze zweitgrößten russischen Ölkonzerns TNK-BP
Ein Amerikaner an der Moskwa

Robert Dudley gibt nicht mehr allzuviel auf Gerüchte und Schlagzeilen. Der Chef des russisch-britischen Ölkonzerns TNK-BP hatte Mitte April in London in einer Zeitung gelesen, dass auf sein Unternehmen Steuernachforderungen in Höhe von einer Milliarde Dollar zukommen. Nach dem ersten Schreck spricht er heute von Gerüchten.

MOSKAU. Die Meldung hat es in sich: „Steuernachforderung von einer Milliarde Dollar trifft TNK-BP“ – so lautet die Überschrift eines Artikels, als Robert Dudley in einem Londoner Hotel seine Zeitung aufschlägt. Dudley ist Chef des russisch-britischen Ölkonzerns TNK-BP, von einer Steuernachforderung hatte er bis dahin nichts gehört. Er erfährt es nur aus Zeitung – Mitte April beim Russian Economic Forum in der britischen Hauptstadt. Eine Stunde später soll er eine Rede auf dieser Veranstaltung halten.

„Das war schon eine ziemliche Überraschung“, sagt Dudley heute. Und er spricht jetzt ganz entspannt und gelassen darüber. Keine Spur davon, dass er möglicherweise – wie einige andere in der Branche – einen zweiten Yukos-Fall befürchtet, die zweite Zerschlagung eines Ölkonzerns durch den Fiskus. Man dürfe Schlagzeilen nicht allzu wichtig nehmen. „Ich habe gelernt, nicht auf Gerüchte oder die hier zu Lande üblichen Verschwörungstheorien zu reagieren“, sagt er. Man müsse alles ganz genau filtern, erzählt er in seinem Büro an der sagenumwobenen Moskauer Flaniermeile Arbat mit Blick auf die goldenen Kuppeln auf den Zwiebeltürmen der gigantischen Christus-Erlöser-Kathedrale.

Seine Büroaussicht kann der US-Amerikaner derzeit aber nur selten genießen, denn sein Posten als Präsident und CEO des russisch-britischen Ölkonzerns TNK-BP fordert noch mehr Aufmerksamkeit als andere Top-Manager für ihre Führungsfunktionen aufwenden müssen. Denn seit September 2003 wachsen unter der Führung von Dudley drei Ölfirmen zusammen: die russischen Unternehmen TNK und Sidanco sowie Russlands BP-Team. „Hinzu kommen noch Mitarbeiter von einigen anderen Konzernen“, ergänzt Dudley.

Seit knapp zwei Jahren leitet er den inzwischen zweitgrößten russischen Ölförderer. Diesen Job bekam er wegen seiner Erfahrungen mit Fusionen und weil er Russland bereits gut kannte. Dudley ist seit 25 Jahren im Ölgeschäft und war von 1994 bis 1997 für den US-Ölkonzern Amoco an der Moskwa. Zudem hat er in führender Funktion auch die Fusion von BP und Amoco begleitet. Später stieg er zum Helfer des BP-Chefs Lord Brown auf, der den Vater zweier E-Gitarre spielender Teenager anschließend wieder nach Moskau schickte. Denn die TNK-Beteiligung ist der wichtigste Wachstumsmotor für den britischen Multi und in Russland sind nach Angaben Dudleys viele Klippen zu umschiffen – selbst für solch einen gigantischen Öltanker wie BP. „Unsere Größe hilft dabei natürlich“, gibt der hochgewachsene Manager zu. Nicht zuletzt, weil Lord Brown Termine direkt beim Kremlchef Wladimir Putin bekommt. Der segnete auch den BP-Einstieg bei TNK ab und sicherte Brown kürzlich zu, dass der Konzern keine Probleme bekomme.

Das jüngste Kreml-Treffen war nicht nur wegen der Steuernachförderung nötig geworden. Moskauer Medien hatten zudem eine Schlacht zwischen TNK-BP und dem Gasmonopolisten Gazprom um das gewaltige sibirische Kovykta-Erdgasvorkommen angekündigt. Gazprom will die entsprechende Lizenz, die bislang TNK-BP hat. „Russland“, gibt Dudley zu, sei „ein schwieriger Markt mit einer Menge Druck“. Die Yukos-Affäre habe „für viel Unsicherheit und Anspannung gesorgt.“

Eine weitere Besonderheit des Landes: Man müsse seine russischen Mitarbeiter erst mühsam zum Reden bringen, sagt Dudley. Denn die Menschen seien es nicht gewohnt, offen ihre Meinung auszusprechen. Nur 120 der 99000 TNK-BP-Mitarbeiter sind Ausländer. Das geringe Mitteilungsbedürfnis gelte allerdings nicht für das 14-köpfige Management: „Wir diskutieren sehr viel. Manchmal braucht es sechs Sitzungen, um eine Entscheidung zu fällen“, sagt Dudley.

Dass die Diskussionen zum Erfolg führen, belegen die Zahlen, die der Chemiker und Ökonom vorlegt: Für 2004 hat TNK-BP wegen der offenen Steuernachforderung noch keine Ergebnisse vorgelegt. Aber im vorigen Jahr steigerte der am schnellsten wachsende russische Ölkonzern seine Ölförderung um 13 Prozent –dank des Einsatzes moderner westlicher Technik auf veralteten sibirischen Ölfeldern. In diesem Jahr rechnet Dudley mit einer sechs- bis siebenprozentigen Steigerung des Ausstoßes, was über dem russischen Durchschnitt läge. 2003 erwirtschaftete TNK-BP 2,8 Milliarden Dollar Gewinn – bei 10,3 Milliarden Dollar Umsatz.

Viel mehr als im Westen müsse man in Russland aber als Manager nicht nur strategisch planen, sondern detailliert auch die Umsetzung verfolgen, sagt Dudley. Dabei habe er heute zu seinem früheren Arbeitgeber BP deutlich weniger Kontakt als zu den russischen Großaktionären, Aufsichtsratschef Michail Friedman und Gas-Vorstand Wiktor Wekselberg. Der Hauptunterschied zwischen beiden Aktionärslagern sei, dass westliche Ölkonzerne langfristiger investieren, russische Investoren jedoch binnen fünf Jahren ihre Anlage ausgezahlt sehen wollten. Deshalb sei die richtige Balance der Schlüssel zum Erfolg, meint Dudley.

Der Manager stammt aus einer Offiziersfamilie und wollte früher zur Marine, um viel in der Welt herum zu kommen. Seine Entscheidung, einen anderen Beruf gewählt zu haben, bereut er bisher nicht. Er lebe gern in Moskau und im vergangenen Jahr das russische Wirtschaftsmagazin „Kompanija“ denn Liebhaber der Thai-Küche zum besten Energiemanager des Landes.

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