Rüdiger Grube
Lächelnder Vollstrecker

Die Bahn fährt durch schwere Zeiten. Ihr neuer Vorstandschef Rüdiger Grube versucht es mit Härte und Harmonie.

BERLIN.In Brandenburg-Kirchmöser kann er am kommenden Montag ganz der sein, den er gerne gibt: der freundliche, bescheidene, seine Gegenüber mit herzlichem Interesse einnehmende Gesprächspartner, der alles wichtiger zu nehmen scheint als seine eigene Person. Bahnchef Rüdiger Grube wird in dem Industriekomplex zwischen Havelseen und Kiefernwäldern, in dem die Bahn ein hochmodernes Technologiezentrum unterhält, Prominente aus Politik und Wirtschaft um sich scharen – allen voran den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.

Endlich einmal muss sich Grube nicht mit Altlasten seines Vorgängers Hartmut Mehdorn beschäftigen. Vielmehr geht es um die Zukunft der Bahn. Und dazu wollen der Staatskonzern und die Bahnindustrie ihr durch brüchige ICE-Achsen und Pannen-S-Bahnen getrübtes Verhältnis auf ein neues Gleis stellen.

Es gibt Absichten, umweltfreundliche und energiesparende Antriebstechnologien speziell für Dieseltriebzüge gemeinsam zu entwickeln. „Unsere kühne Vision ist ein CO2-freier Schienentransport“, hatte der Bahn-Chef, der gerade die ersten hundert Tage im Amt hinter sich hat, kürzlich im neuen „Nachhaltigkeitsbericht“ des Schienenverkehrs- und Logistikkonzerns formuliert.

Der Schulterschluss mit der Industrie passt in die Reihe der Ereignisse, mit der sich der gelernte Flugzeugbauer und Ex-Strategiechef des Daimler-Konzerns von seinem Vorgänger absetzt. Während der kantige Mehdorn dazu neigte, ehrliche Worte und verbrannte Erde zu hinterlassen, ist Grube – vor Jahren einmal Mehdorns enger Mitarbeiter – eher auf einem Schmusekurs.

Das Wohlwollen der Gewerkschaften, durch die Datenschutzaffäre aufgeschreckt, hatte er sich schon vor seinem ersten offiziellen Arbeitstag erarbeitet. Und mit der Politik, in der Mehdorns Intimfeinde zuhauf lauerten, baut der Nachfolger freundliche Gemeinsamkeiten auf.

Bestes Beispiel: der „Bahngipfel“ zwischen Grube und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Mitte Juli. Damals wurde das Desaster bei der Berliner S-Bahn nach schlampig ausgeführten Kontrollauflagen des Eisenbahn-Bundesamtes in der Öffentlichkeit erstmals richtig wahrgenommen. Trotzdem rang der Bahnchef dem Stadtoberhaupt Aussagen ab wie die von einem „von Vertrauen geprägten Neuanfang“. Die Fotos von dem Gipfel zeigten beide in lächelnder Eintracht.

Doch Grube kann auch anders. In Rekordzeit setzt er reihenweise Führungskräfte einschließlich des halben Vorstands vor die Tür, um nach der Datenschutzaffäre neu anzufangen. Auch dem Berliner S-Bahn-Management gab er keine Bewährungschance. Genauso wenig jenen, die – wie diese Woche bekannt wurde – illegal mit Krankendaten der Mitarbeiter hantiert hatten.

Fünf Grundsätze seiner Großmutter macht der aus kleinen Verhältnissen stammende Hamburger zur Handlungsmaxime, wie er kürzlich im kleinen Kreis verriet: Glaubwürdigkeit, Authentizität, Integrität, Disziplin, Begeisterungsfähigkeit. Wer im Konzern entsprechend mitzieht, ist Grubes Mann, wird im Berliner Bahn-Tower beobachtet. Zudem empfiehlt es sich, genau zuzuhören, erzählt eine Führungskraft: „Oft nehmen die Leute nur die freundliche Erscheinung Grubes wahr – und überhören dann ganz leicht seine sehr konkreten Forderungen, die sich manchmal in zwei, drei Sätzen verstecken.“

Auch und gerade im schwierig gewordenen operativen Geschäft fordert der Chef, der von seinem Umfeld als extrem ehrgeizig und fleißig beschrieben wird. Wer da auf Grubes Fragen nicht die richtigen Antworten parat hat, steht schnell vor einem Karriere-Aus bei der Bahn.

Im anderen Fall vor einem Karrieresprung: Als solcher gilt die Berufung des bisherigen Chef-Konzernstrategen Alexander Hedderich an die Spitze der Güterbahn-Sparte DB Schenker Rail.

Diese Personalie ist auch ein Beleg für die Unabhängigkeit Grubes: Hedderich war während der Datenschutzaffäre immer wieder von der Politik angegriffen worden, trotz aller Unschulds-Darlegungen. Grube vertraut ihm und überträgt ihm eine der derzeit schwierigsten Konzernführungsaufgaben. Denn der Güterverkehr auf der Schiene ist in der Krise zu einem Viertel eingebrochen.

Wenn Grube diese und andere Schreckensbotschaften am 19. August in Frankfurt bei der Halbjahresbilanz verkündet, ist der Schatten des Vorgängers noch da. Gemessen wird er in den nächsten Monaten an seinen Antworten auf die Krise, auch an der Effizienz seines Sparprogramms „React“, das zwei Milliarden Euro bringen soll.

Das könnte auch das entspannte Verhältnis zu den Gewerkschaften stören. Nächstes Jahr stehen Tarifverhandlungen an. Außerdem soll der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen verlängert werden.

Immerhin: Von Transnet-Boss Alexander Kirchner, dem stellvertretenden Bahn-Aufsichtsratschef, wird aus der Gewerkschaft berichtet, er verstehe sich gut mit Grube: „Die haben sich noch nicht angeschrien, und es sieht so aus, als ob sie das auch künftig nicht tun werden.“

Rüdiger Grube

1951 Am 2. August 1951 wird Rüdiger Grube in Hamburg geboren. Er studiert nach einer Ausbildung im Metallflugzeugbau die Fachrichtung Fahrzeugbau und Flugzeugtechnik an der Fachhochschule Hamburg und promoviert später in Hamburg und Kassel.

1990 Er wird Leiter des Büros des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Deutschen Airbus, Hamburg, und 1992 verantwortlich für den Dasa-Standort Ottobrunn. Im Jahr 1995 wird Grube Direktor für Unternehmensplanung und Technologie bei der Dasa.

2001 Er zieht als stellvertretender Vorstand für Konzernentwicklung bei Daimler ein. Er übernimmt 2004 auch die Verantwortung für die Nordostasien-Aktivitäten.

2009 Grube wird am 1. Mai Vorstandschef der Deutschen Bahn. Sein Vertrag läuft fünf Jahre.

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