Salzgitter-Chef
Leeses ungewöhnliche Übernahmen

Wolfgang Leese macht seinem Ruf alle Ehre. Der Chef des niedersächsischen Stahl- und Röhrenkonzerns Salzgitter gilt in der Branche als Spezialist für ungewöhnliche Übernahmen. Nun sorgt der 60-Jährige erneut für Furore.

FRANKFURT. Salzgitter übernimmt den Maschinenbauer Klöckner-Werke. Der Konzern betritt damit absolutes Neuland. Als gestern der Kurs der Salzgitter-Aktie ausgesetzt wurde, hatten Journalisten, Analysten, aber auch etliche Konkurrenten auf einen ganz anderen Grund dafür getippt.

Seit Wochen nämlich verhandelt Leese und sein Finanzvorstand Heinz Jörg Fuhrmann über eine Übernahme des drittgrößten kanadischen Stahlherstellers Algoma. Dass die vertraulichen Gespräche durch gezielte Indiskretionen der Kanadier überhaupt publik wurden, dürfte den gebürtigen Saarländer ziemlich gefuchst haben. Leese, äußerlich mit einer Körpergröße von 1,76 und normaler Figur eher ein unscheinbarer Typ, zieht es vor, wichtige Deals im Verborgenen zu führen. Und er redet erst dann darüber, wenn die Tinte unter den Verträgen trocken ist. Deshalb passt es ins Bild, wenn er zu Algoma im Moment gar nichts sagt.

Dass Leese, der vor sieben Jahren von der deutschen Nummer eins im Stahl, Thyssen-Krupp, in die niedersächsische Provinz wechselte, die Finanzmärkte mit dem Klöckner-Kauf irritiert hat, stört ihn wenig. Als er wenige Monate nach der Übernahme des Top-Postens die Mannesmannröhren-Werke (MMW) kaufte, machte sich trotz des Spottpreises von einer Mark Ernüchterung breit. Niemand traute Leese zu, dass er den bis dahin chronisch defizitären Röhrenhersteller wieder auf die Erfolgsspur bringen könnte.

Doch Leese schaffte das Kunststück. Heute ist der Röhrenbereich eine starke Ertragssäule des Salzgitter-Konzerns. Außerdem hat Leese mit dem mutigen Zukauf die Grundlage dafür gelegt, dass der Aktienkurs immer weiter in die Höhe kletterte. Mit einem Börsenwert von 6,5 Milliarden Euro übertrifft Salzgitter den der einstigen Konzernmutter Preussag (heute Tui) deutlich.

Natürlich konnte Leese nicht ahnen, dass Öl und Gas immer teurer werden und mit dem auch künftig weltweit rasant steigenden Energiebedarf die Aussichten der Röhrenhersteller für die nächsten Jahre bestens sind. Andererseits sorgte er mit dem Kaufpreis dafür, dass MMW bei einer anderen Marktentwicklung Salzgitter finanziell in die Knie zwingen würde. Mit seinem Finanzchef liegt er ganz auf einer Wellenlänge. Der sagt: „Wenn wir Übernahmen zu teuer bezahlen, haben die Banken ihre Erfolgsprämie und wir die Abschreibungen.“ Das wird Leese gewiss nicht passieren.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%