Salzgitter
Leese: Kassandra des Stahls

Wolfgang Leese ist ein Optimist: Selbst der Absatzeinbruch in der Stahlindustrie kann dem Chef der Salzgitter AG die Zuversicht nicht nehmen. „So schnell, wie der Abschwung gekommen ist, kann sich der Markt auch wieder erholen“, sagt der 62-Jährige. Der Aufschwung könnte bereits im zweiten Quartal kommenden Jahres einsetzen. „Denn die Leute brauchen Stahl.“

DÜSSELDORF. Das Wort des Saarländers hat Gewicht, sagte er doch schon im Jahr 2006, als der Optimismus in der Branche überschäumte, voraus: „Nach den Olympischen Spielen 2008, spätestens aber nach der Weltausstellung 2010 in Schanghai wird es wieder abwärtsgehen.“ Heute ist klar: Mit der Prognose behielt der 1,76 große, leicht untersetzte Mann recht.

Aber anders als bei seinem Amtsantritt im Februar 2000, als Salzgitter ein reiner Stahlkocher war, sieht der Betriebswirt sein Unternehmen für die Unwägbarkeiten gerüstet. „Nie standen wir so gut in einer Krise da.“ Durch vorsichtige Zukäufe hat Leese den Konzern auf ein breites Fundament gestellt – und so die Voraussetzung geschaffen, dass Salzgitter am 22. Dezember den Aufstieg in die 1. Bundesliga der deutschen Börse, den Leitindex Dax, schafft.

Leese achtet stark auf die Kosten. So führt er die übernommenen Mannesmann-Röhrenwerke schnell in die Gewinnzone. Heute liefert die Sparte solide Ergebnisse in unruhigen Zeiten. In den anderen Bereichen Stahl, Handel und Maschinenbau knirscht es jedoch zurzeit. So musste die im vergangenen Jahr erworbene Tochter Klöckner-Werke wegen der Nachfrageflaute ihre Prognose für dieses Jahr senken. Und sollte sich der Stahlmarkt nicht zügig beruhigen, dann droht auch in der Stahlsparte Ungemach. Nachdem die Produktion gedrosselt worden ist, halten Marktbeobachter ein neues Sparprogramm für denkbar.

Auch wenn sich Leese, der leise spricht, nach eigenem Bekunden nicht ins „Rampenlicht“ drängt, wird sich dies mit dem Dax-Aufstieg fast zwangsläufig ändern. Bereits vor einem Jahr, als Salzgitter mit einem Börsenwert von damals knapp zehn Milliarden Euro schon einmal als heißer Anwärter für die erste Börsenliga galt, hielt sich seine Begeisterung in Grenzen: „Wir sind lieber Erster in der zweiten Liga als Letzter in der ersten Liga.“ Damit spielt er auf den Kurs der Salzgitter-Aktie an, die in den vergangenen zwölf Monaten zwei Drittel ihres Wertes verlor. Nur weil die Börsenkurse anderer Unternehmen stärker abschmierten, zieht Salzgitter in den Dax ein. Aber die Rezession hat erst begonnen, und niemand weiß, wie sehr sie die zyklische Stahlindustrie treffen wird.

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