Schwierigkeiten oder Hindernisse hat Del Vecchio nie gescheut
Selfmademan aus dem Bilderbuch

Der „Padrone“ hatte eingeladen. Also scharten sich Hunderte Arbeiter in der Kantine. Mit einem Spaghetti-Essen im großen Kreise feierte Leonardo Del Vecchio im Stammwerk im Dolomitenstädtchen Agordo den 40ten Geburtstag der Luxottica. Damals, vor drei Jahren, ahnte kaum jemand, dass sich der Chef eines Tages in die zweite Reihe des weltgrößten Brillenherstellers zurückziehen würde.

MAILAND. Doch genau dies geschah letzte Woche: Zuerst übernahm er die US-Optikerkette Cole National und übergab dann das Zepter an den 30 Jahre jüngeren Top-Manager Andrea Guerra.

Beides war nicht einfach für den 69-jährigen Firmengründer: Denn bei Cole National musste sich Del Vecchio gegen die feindliche Offerte des chinesischen Konkurrenten Moulin International durchsetzen. Und um Andrea Guerra musste er ebenfalls kämpfen. Schließlich hatte der brillante Manager, der in den vergangenen vier Jahren den Hausgerätekonzern Merloni erfolgreich führte, Angebote en masse auf seinem Schreibtisch.

Aber Schwierigkeiten oder Hindernisse hat Del Vecchio nie gescheut. Obwohl seine weichen Gesichtszüge und das zurückhaltende, ja schüchterne Auftreten auf ein sanftes Wesen schließen lassen, verraten die stahlblauen Augen mehr über seinen eisernen Willen – unerlässlich für die Bilderbuchkarriere eines Selfmademans.

Geboren in kleinen Verhältnissen und durch den frühen Tod des Vaters zum Halbwaisen geworden, war seine Kindheit alles andere als ein Zuckerschlecken. Mit sieben Jahren wird er ins Mailänder Waisenhaus „Martinitt“ gesteckt, weil es seine Mutter als Arbeiterin nicht schafft, die fünfköpfige Familie zu ernähren. „Meine Schwester hat mir aber auch erzählt, dass ich dorthin musste, weil ich ein Lausejunge war und alle zur Verzweiflung brachte“, sagt er später in einem seiner raren Interviews verschmitzt.

Im „Matinitt“ lernt er vieles, vor allem aber, sich durchzuschlagen. Diese Fähigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die „Vom Tellerwäscher zum Milliardär“-Karriere. Mit 14 Jahren beginnt er in seiner Heimatstadt als Geselle bei einer Firma, die Münzen herstellt. Er erkennt aber rasch, dass die Feinmechanik und die Spezialisierung auf Teile für die Brillenindustrie mehr Zukunft hat. Wie später viele Silicon-Valley-Gründer, startet er in den fünfziger Jahren als Unternehmer in einer Garage. In der Mailänder Via Carlo d’Adda werkelt er am Abend, nachdem er tagsüber anderswo geschuftet hatte. „Ich habe damals 20 Stunden am Tag gearbeitet.“

Der Fleiß zahlt sich aus. Vier Jahrzehnte später ist aus der Garagenfirma ein Weltmarktführer geworden – aus einem Nobody ein Vorbildunternehmer –, aus einer Einmannshow ein multinationaler Konzern mit 22 000 Mitarbeitern. Und aus einem Halbwaisen der zweitreichste Mann Italiens. Das Wirtschaftsmagazin Forbes taxiert das Vermögen des Brillenkönigs auf 6,9 Milliarden Euro. Er rangiert in der Weltrangliste der Superreichen auf Platz 55, ein Platz hinter George Soros und vier Ränge vor Stefan Quandt.

So unglaublich es klingt: Richtige Rückschläge hat er mit seiner Luxottica eigentlich nie erlebt. Deren Geschichte liest sich wie ein Aufsatz aus einem betriebswirtschaftlichen Lehrbuch. Nachdem er aus seiner Mailänder Garage einige Jahre lang einen Brillenhersteller mit halbfertigen Gestellen beliefert, zieht es ihn 1961 in das Dolomitenstädtchen Agordo. Inmitten der großartigen Bergkulisse ist schon seit Jahrhunderten die optische Industrie des Landes versammelt.

Auf seinem Weg vom „Padrone“ zum „Presidente“ erkennt der Vater von fünf Kindern, dass großes Wachstum als Zulieferer nicht möglich ist. Daher fällt er 1967 die Entscheidung, die Brillen selbst komplett herzustellen und unter der Marke Luxottica zu verkaufen. „Wir entwickelten also eine eigene Kollektion, wobei wir auf Grund unserer Detailkenntnisse derart wettbewerbsfähige Preise darstellen konnten, dass die Großhändler unsere Halle stürmten“, erinnert sich Del Vecchio heute.

War es Anfangs das technische Know-how sowie die Fähigkeit und der Fleiß des Gründers, so sehen Beobachter spätestens in den achtziger Jahren Design und Marketing als Grund für den Erfolg Del Vecchios. „Der Meister der Brillen wollte nicht mehr ungeliebte Seh-Prothesen liefern, sondern imageträchtige Augengläser bieten, die von ihren Besitzern mit Stolz getragen werden“, schrieb das FAZ-Magazin

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Mit dem gewohnten Weitblick schließt Del Vecchio 1988 mit Giorgio Armani ein Lizenzabkommen ab, wodurch die Sonnenbrille als Ausdruck des Zeitgeistes eine immense Bedeutung erlangt. Zwar geht die Liaison mit dem Mailänder Modeschöpfer 2002 in die Brüche; Del Vecchio kommt aber mit Prada und Versace ins Geschäft. Mit vielen Zukäufen verwandelt er Luxottica vom reinen Industrieunternehmen in einen vollintegrierten Hersteller und Vermarkter von Brillen.

Nun fragen sich viele in Italien, wohin die Reise gehen wird, nachdem er den Chefposten bei Luxottica abgegeben hat. „So kann ich mich auf das Präsidentenamt zurückziehen und die operative Verantwortung vollständig auf den neuen Exekutivchef übertragen“, sagt Del Vecchio.

Das klingt nicht gerade so, als wolle er sich nur noch seinen Hobbys Golf und Tennis widmen. Die Karriere des Leonardo Del Vecchio scheint noch nicht vorbei zu sein.

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