Siemens
Kontrollorgan unter Beobachtung

Der Prüfungsausschuss von Siemens, das war Jahre lang ein weitgehend im Stillen arbeitendes Unterorgan des Aufsichtsrates. Doch dann kamen die Korruptionsskandale. Und plötzlich müssen sich die Mitglieder des Gremiums sogar selbst verteidigen.

HB MÜNCHEN. Inzwischen stehen die vier Mitglieder des Gremiums im Mittelpunkt der Berichterstattung. Die alles beherrschende Frage: Was wusste der Ausschuss, was hätte er wissen können, wissen müssen? Einer, der in dieser Debatte vergleichsweise unbefangen auftreten kann, ist Henning Schulte-Noelle. Er hat Heinrich von Pierer ersetzt, der vor dreieinhalb Wochen seinen Rückzug vom Amt des Aufsichtsratschefs verkündete und damit auch den Prüfungsausschuss verließ.

Schon zuvor war Schulte-Noelle, der Aufsichtsratsvorsitzende der Allianz, bei Siemens so eine Art graue Eminenz: wichtig, aber stets sehr verschwiegen. Das ist für den Manager, der die Allianz bis 2004 als Vorstandschef führte, quasi Staatsräson. Undenkbar, dass der heute 64 Jahre alte Jurist, der zu den einflussreichsten Führungskräften der Republik gehört, aus Gremiensitzungen plaudert.

Das ist für Siemens umso wichtiger, als der Prüfungsausschuss für die amerikanische Börsenaufsicht SEC das zentrale Organ im Kontrollsystem des Großkonzerns ist. Mit großem Interesse dürften die amerikanischen Ermittler deshalb verfolgen, wie der Ausschuss inzwischen Teil der öffentlichen Spekulationen geworden ist. Medienberichte legen nahe, der Prüfungsausschuss sei seit Jahren über das Schmiergeldsystem im Telefonbereich Com informiert gewesen. Dies dementierte das Unternehmen gestern vehement. Die von Siemens mit den internen Ermittlungen beauftragte Anwaltskanzlei habe den Ausschuss entlastet.

Schützen soll das vor allem Gerhard Cromme, den neuen starken Mann von Siemens und Aufsichtsratsvorsitzenden. Er sucht derzeit nach einem neuen Chef für Siemens. Cromme führt den Prüfungsausschuss seit Ende Januar 2005. Er hätte ein weiteres Riesenproblem, sollte sich herausstellen, dass der Ausschuss Hinweisen doch nicht entschlossen genug nachgegangen ist. Dritter im Bunde ist Ralf Heckmann, Chef des Gesamtbetriebsrates, stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates – ein Siemensianer durch und durch. Heckmann, der im Marketing Karriere machte, ist der wohl einflussreichste Arbeitnehmervertreter. Auf ihn, obwohl Mitglied der IG Metall, konnte sich aber auch Heinrich von Pierer oft verlassen. Der langjährige Konzernchef pflegte enge Beziehungen zu Heckmann, nicht nur beim Schafkopf. Der heute 57 Jahre alte Gewerkschafter ließ es sich dennoch nicht nehmen, im Zweifel auch Position gegen von Pierer zu beziehen. Heckmann gilt als verschwiegen, integer.

Viertes Mitglied ist Heinz Hawreliuk, IG-Metall-Sekretär aus Frankfurt, offiziell im Vorruhestand. Bei der Gewerkschaft war er lange für die Mitbestimmung verantwortlich. Obschon 60 Jahre alt, gilt der Multi-Aufsichtsrat wegen seiner großen Erfahrung derzeit als unverzichtbar.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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