Stellenanzeigen
Jeder findet sich sozial kompetent

Stellenanzeigen so zu schreiben, dass sie den Gesuchten mitten ins Herz treffen, ist eine Kunst, die selten ist. Die meisten Inserate strotzen nur so vor Standardfloskeln. Die Konsequenz: Unternehmen erhalten waschkörbeweise Bewerbungen – aber die falschen.

„Eine gute Stellenanzeige ist wie ein gutes Drehbuch“, meint Alexander Leschinsky, Partner der Personalberatung Kienbaum Executive Consultants: „Die Story im Skript, muss den Leser packen.“ Seit Jahren fahndet der Headhunter nach Vertriebsmanagern für die Stahlindustrie, „die Biss haben, aber keine einsamen Wölfe, sondern Teamplayer sind“, nach Controllern für den Maschinenbau, „die grundsolide bis ins Detail arbeiten, aber auch kreativ und ideenreich vorgehen“ und nach Chefsekretärinnen für die Werbebranche, die „das rechte Maß zwischen Verschwiegenheit und Vernetzung“ finden.

Widersprüche in der Persönlichkeit faszinieren Kino-Zuschauer. Aber auch Unternehmen, die herausragende Mitarbeiter suchen, brauchen oft Kandidaten mit Fähigkeiten, die eigentlich im Widerspruch zueinander stehen. „Statt klein beizugeben, weil man glaubt, dass es solche Talente gar nicht gibt und sich für eine Richtung zu entscheiden, lohnt es sich, Widersprüchlichkeiten in Inseraten konsequent zu formulieren“, weiß Leschinsky. „Für Menschen, die genau diese Widersprüchlichkeiten in ihrer Person immer wieder erleben, wirken solche Beschreibungen wie Anker. Sie fühlen sich erkannt und melden sich.“

Leschinsky beherrscht die Kunst, Stellenanzeigen zu schreiben, die den Gesuchten mitten ins Herz treffen. Eine Kunst, die offenbar selten ist. „Die meisten Stellenanzeigen sind so gesichtlos und so uniform formuliert, dass vollkommen unklar bleibt, was eigentlich gesucht wird“, ist das vernichtende Urteil von Frank Lambert, Geschäftsführender des Hamburger Personaldienstleisters Jobs in Time. Das Unternehmen analysiert alle sechs Monate rund 800 Stellenanzeigen für Berufsanfänger mit Hochschulabschluss und maximal zwei Jahren Berufserfahrung. „Dabei treffen wir immer wieder auf dieselben nichtssagenden Schlagwörter“, sieht Lambert. Also entschloss sich Jobs in Time, die wichtigsten Buzzwords zu analysieren. „Das Ergebnis ist bedenklich“, so Lambert. „In 90 Prozent der Anzeigen fordern Firmen persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten wie soziale Kompetenz, Eigenständigkeit und Teamfähigkeit, die wenig geeignet sind, ein wirklich profiliertes Bild vom Wunschbewerber zu zeichnen.“ Wer sagt schon von sich, dass er nicht sozial kompetent, engagiert und flexibel ist? Die Konsequenz: Unternehmen erhalten waschkörbeweise Bewerbungen – aber die falschen.

Der Grund für die Misere: Abteilungsleiter ohne Schreibtalent sollen mal eben formulieren, wie ihr neuer Mitarbeiter sein soll. Jeder schreibt vom anderen ab und die Personalabteilung trimmt das Ganze dann noch auf die einheitlichen Corporate-Identity-Standards. Gründe für die mangelhafte Passgenauigkeit von Inseraten gibt es viele. „Und auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz fördert die Klarheit der Stellenanzeigen nicht“, moniert Lambert. „Wenn ich weiß, dass der Chef eine Sekretärin sucht, die drei Dinge auszeichnen – nämlich, dass sie hübsch ist, sich gut anzieht und weiß, dass er sofort Kaffee will, wenn er kommt, kann ich das in die Anzeige nicht reinschreiben.“

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