Thomas Jordan
Heimische Tugenden in der Schweizer Notenbank

Der neue Chef der Schweizer Notenbank ist nicht nur Wirtschafts-Experte und das „Gehirn hinter der Geldpolitik“. Er steht vor allem für Kontinuität. Mit ihm soll die Glaubwürdigkeit der SNB wieder gestärkt werden.
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ZürichDie Schweizer Regierung hat mit Thomas Jordan einen ausgewiesenen Wirtschafts-Experten zum neuen Chef der Notenbank ernannt. Der 49 Jahre alte Jordan, der trotz seiner Körpergröße von geschätzt 1,90 Meter eher zurückhaltend und unprätentiös auftritt, verfügt nicht ganz über den weltmännischen Flair seines Vorgängers Philipp Hildebrand. Er gilt aber als kompetent, tatkräftig und entscheidungsstark. „Beste Schweizer Tugenden“, sagte der Chefvolkswirt der Bank Julius Bär, Janwillem Acket am Mittwoch, nachdem die Schweizer Regierung den bisherigen Vizepräsidenten erwartungsgemäß an die Spitze der Schweizerischen Nationalbank (SNB) befördert hatte.

Der Vater von zwei Söhnen blickt auf eine berufliche Laufbahn zurück, die 1997 nach einem Studium an der Universität Bern als Wissenschaftlicher Berater bei der SNB begonnen hat und ihn zehn Jahre später in das dreiköpfige Direktorium der Notenbank führte. Anfang 2010 wurde er Vizepräsident und Anfang dieses Jahres Interims-Präsident, nachdem sein Vorgänger Hildebrand wegen umstrittener Devisengeschäfte seiner Frau den Hut nehmen musste. Über Erfahrung im Finanzgewerbe verfügt Jordan nicht im Gegensatz zu Hildebrand, der in der Hedgefonds-Welt und beim Weltwirtschaftsforum (WEF) zu Hause war. Auf eine mangelnde internationale Erfahrung Jordans zu schließen wäre nach Ackets Ansicht aber falsch. Jordan hat seine Habilitationsschrift während eines dreijährigen Forschungsaufenthalts an der Harvard University verfasst. Er ist zudem Mitglied in Gremien der OECD und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Vor allem steht Jordan für Kontinuität in der Politik der Nationalbank. Er stand von Anfang an wie sein Vorgänger dafür, dass eine übermäßige Aufwertung des Schweizer Frankens verhindert werden soll. Das gelang wegen der von der Euro-Schuldenkrise ausgelösten Fluchtwellen in den sicheren Schweizer Hafen nicht vollständig. Die SNB musste im September zum drastischen Mittel der Wechselkursuntergrenze für den Euro von 1,20 Franken greifen. Weit davon entfernt war der Euro zuletzt nie, was am Markt auch damit erklärt wurde, dass sich die Regierung mit der dauerhaften Ernennung Jordans drei Monate Zeit ließ.

Die Vorgabe, die die SNB mit Milliarden-Interventionen verteidigte, verhinderte nach Ansicht von Experten aber, dass die Schweizer Wirtschaft in eine Rezession abrutschte. Ob die Grenze hält, ist neben geschickten Devisenmarkt-Interventionen auch von der Glaubwürdigkeit und der Standfestigkeit der SNB und ihrer Führung abhängig. Die Ernennung Jordans dürfte diese Glaubwürdigkeit stärken, sagt Acket. Ohnehin galt Jordan, so eine Zeitung, als das „Gehirn hinter der Geldpolitik“ der Schweizer Nationalbank. Die Euro-Schuldenkrise hatte er im übrigen bereits in seiner Dissertation im Jahr 1993 skizziert.

Ohne Zweifel stehe Jordan für Stabilität der Preise und des Finanzsystems, sagt der frühere SNB-Berater Ernst Baltensperger. Das bewies Jordan als Mitglied einer Regierungskommission, die zum Teil gegen den Widerstand der Branche die neuen, strengen Eigenkapitalvorschriften für Großbanken erarbeitete. Als Vizepräsident war er für die Bereiche Finanzstabilität sowie Finanz und Risiken zuständig. Ganz der Wissenschaft entsagen wollte Jordan nie. An seiner Heimat-Uni Bern hielt er auch als Mitglied der SNB-Spitze Vorlesungen in Geldtheorie und Geldpolitik.

Seine unbestrittenen Fachkenntnisse gepaart mit schweizerisch-zurückhaltendem Auftreten dürften Jordan die Zusammenarbeit mit der Politik erleichtern. Sein Vorgänger war nicht zuletzt an einem Trommelfeuer gescheitert, das die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) gegen ihn und seine Frau eingeleitet hatte und das in dem Vorwurf gipfelte, er habe mit seinem Wissen als SNB-Präsident Insider-Devisengeschäfte getätigt. Diesen Vorwurf muss Jordan nicht fürchten. Eine Überprüfung seiner privaten Konten, der er sich nach der Hildebrand-Affäre zusammen mit anderen Mitgliedern der SNB-Spitze unterzog, brachte keine Transaktionen zutage, die Anlass zu Fragen gewesen wären. „Jordan ist eine weniger polarisierende Figur als Hildebrand“, urteilt der Wirtschaftsexperte und frühere Parlamentarier Rudolf Strahm.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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