Ulla Unseld-Berkéwicz
Eine Verlegerin im Glück

Die Suhrkamp-Chefin ist nach der Frankfurter Buchmesse obenauf - dem Nobelpreis sei Dank. Denn den erntete ihr Schriftsteller Mario Vargas Llosa, dessen Titel am Stand schnell vergriffen waren. Für die Verlegerin ist der Preis für den Peruaner ein Goldregen.
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DÜSSELDORF. Der Stand F 102 in der Halle 4.1. auf der Frankfurter Buchmesse war am Sonntag der Besuchermagnet. Der Grund für die literarische Wallfahrt zum Suhrkamp-Verlag: der Literatur-Nobelpreis für den Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Seit Jahrzehnten vertreibt Suhrkamp die Bücher des Peruaners. Derzeit sind es 20 Titel, darunter Bestseller wie "Das böse Mädchen", "Das Fest des Ziegenbocks" oder "Das grüne Haus". Nun sind die Bücher gefragt wie nie zuvor: Am Stand von Suhrkamp war Vargas Llosa gestern ausverkauft.

Für Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ist der Literatur-Nobelpreis für einen ihrer Autoren ein Goldregen. Denn mit der Auszeichnung schießen die Auflagen in die Höhe. Vargas Llosa und sein Preis machen die Verlegerin zur Gewinnerin der gestern zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse. Bereits am Donnerstag, kurz nach Bekanntgabe der Nobelpreis-Entscheidung, feierte die Witwe des legendären Verlegers Siegfried Unseld die Auszeichnung und den erwarteten Umsatzschub. "Wir sind alle im Glück", freute sich die 68-Jährige, die hinter den Kameras und Mikrofon mit ihrem schwarzen Lockenkopf fast nicht zu sehen war.

Bessere Geschäfte kann Suhrkamp gut gebrauchen. Denn die einstige Ikone des deutschen Literaturbetriebs hat mächtig an Glanz verloren. Nach Marktforschungen von Media Control belegt Suhrkamp mit einem Umsatz von 18,2 Mio. Euro seit Jahresbeginn in Deutschland nur noch Platz 24 der erlösstärksten Verlage.

Mit dem Literatur-Nobelpreis hat nun die wirtschaftliche Aufholjagd für Suhrkamp begonnen. In Branchenkreisen wird ein Umsatzplus in Millionenhöhe erwartet. "Der Nobelpreis macht sich im Abverkauf sehr bemerkbar - gerade bei einem Autor wie Vargas Llosa, der ohnehin schon gut läuft", sagt ein Manager eines konkurrierenden Verlags. Suhrkamp war am Wochenende für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Für Unseld-Berkéwicz ist der erste Nobelpreis unter ihrer Regie als Verlegerin eine Art Befreiungsschlag. Denn er wird ihre Kritiker verstummen lassen. Schon 2002, als sie nach dem Tod ihres Mannes und Verlegers Siegfried Unseld als Geschäftsführerin die Macht bei Suhrkamp übernahm, gab es Krach. Prominente Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas oder Alexander Kluge verließen damals den Stiftungsrat.

Zuletzt sorgte der von ihr forcierte Umzug Anfang 2010 vom Traditionssitz Frankfurt in die Kulturmetropole Berlin für eine Zerreißprobe. Joachim Unseld, Sohn des Suhrkamp-Patriarchen, klagte sogar gegen den Ortswechsel. "Wir gehen ja nicht nach Abu Dhabi, sondern in die Hauptstadt", keilte Unseld-Berkéwicz zurück. Sie setzte sich durch, und ein Drittel der Belegschaft blieb in Frankfurt zurück.

Es war dennoch ein Sieg für sie: Ihr schärfster Kritiker Joachim Unseld hat seinen Suhrkamp-Anteil im November 2009 verkauft. Seitdem besitzt seine Stiefmutter mit 61 Prozent die klare Mehrheit.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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