Ursula Burns
Die resolute Sparkommissarin von Xerox

Ursula Burns wagt den Befreiungsschlag beim amerikanischen Bürogeräte-Konzern Xerox

NEW YORK. Es gibt keinen Champagner, nicht mal eine anständige Party. Obwohl Ursula Burns im Mai 2009 die erste afroamerikanische Frau auf dem Chefsessel eines großen US-Konzerns wird, bleibt die Stimmung im Hause Xerox reserviert: Die Feier zur Verkündung der neuen Konzernchefin sei „etwa 60 Sekunden nach Ausgang der Mitteilung via E-Mail“ beendet gewesen, sagt Clarke Murphy, ein Personalberater von Russell Reynolds. Ursula Burns hat es wohl so gewollt, denn das Geschäft bei Xerox ist keine Spaßveranstaltung, seit Jahrzehnten nicht.

Schon als die junge Studentin Burns 1980 bei dem amerikanischen Bürogerätehersteller einsteigt, führt Xerox einen zähen Verteidigungskampf gegen die Konkurrenz aus Japan. Burns selber ist das Kämpfen gewohnt: Sie ist ohne Vater in Sozialwohnungen in Manhattan aufgewachsen. Nur mit Mühe und dank eines Förderprogramms für Minderheiten schafft es die Mutter, ihren Kindern eine Karriere zu ermöglichen. Tochter Ursula kann Ingenieurwesen an der Columbia University studieren und landet über ein Praktikum bei Xerox.

Im Laufe der Jahre hellen sich nur die Perspektiven der groß gewachsenen Frau mit dem kurz geschorenen Haar auf, aber nicht die ihres Arbeitgebers: Xerox verliert den Wettbewerb gegen Canon, auch der US-Rivale Hewlett-Packard zieht mit Riesenschritten vorbei. 2001 taumelt Xerox am Rande der Pleite: Der über 100 Jahre alte Traditionskonzern muss eisern sparen. Keine hilft dabei so resolut wie Ursula Burns. Nach ihrem Aufstieg zur Vizepräsidentin sorgt sie dafür, dass Xerox die Produktion von Kopierern weitgehend einstellt und an Flextronics abgibt. Inzwischen ist die Belegschaft von einst mehr als 90 000 auf 54 000 Mitarbeiter zusammengeschmolzen, und Burns hat einen Großteil dieser Sparrunden verantwortet. Auch deshalb hat sie Konzernchefin Anne Mulcahy, die bei der erfolgreichen Xerox-Sanierung im Rampenlicht steht, zur Nachfolgerin aufgebaut. Es sei ein Führungswechsel „auf die traditionelle Art“, sagt Mulcahy im Mai 2009: Burns habe sich den Job schlicht „verdient“.

Drei Monate nach dem Wachwechsel wird die neue Handschrift der Aufsteigerin deutlich: Burns wagt den Befreiungsschlag – raus aus der perspektivlosen Tretmühle Hardware, rein in Geschäftsbereiche, die endlich Wachstum versprechen. Also kauft sie für 6,4 Milliarden Dollar den IT-Dienstleister Affiliated Computer Services (ACS) und riskiert die teuerste Übernahme in der Geschichte des Kopierer-Pioniers.

Transformation ist das Zauberwort, das Burns nun pflegt: Auf dem eingeschlagenen Weg hätte der Wandel „noch zehn Jahre gedauert“, sagt sie mit der gewohnten Ungeduld. ACS besitzt ein starkes Standbein als Dienstleister im US-Gesundheitswesen, die Umsätze sind im Vorjahr um sechs Prozent auf 6,5 Milliarden Dollar gestiegen. Xerox indes muss damit rechnen, dass die eigenen Erlöse 2009 um 16 Prozent unter die Marke von 15 Milliarden Dollar fallen.

Burns fühlt sich mit dem Kauf in guter Gesellschaft, weil auch Hewlett-Packard und Dell zuletzt Milliarden für IT-Dienstleister ausgegeben haben. Doch die Börse ist wenig begeistert, weil die Xerox-Schulden um zwei Milliarden Dollar steigen und Zusammenschlüsse fast gleich starker Firmen oft Probleme bringen. Burns muss nun Überzeugungsarbeit leisten – und wohl resolut weiter sparen. Um 14 Prozent schoss der Xerox-Kurs nach Bekanntgabe des ACS-Kaufs nach unten – kein Grund für Champagner-Laune.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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