Uwe Hück ist eine Ausnahme unter Deutschlands Betriebsräten
Der Porsche Boxer

Das Band läuft an, die Rohkarosse kommt, die Lackierer greifen zu den Spritzpistolen. Doch da ruft ein junger Arbeiter: „Stopp, das geht so nicht.“ Die Rohkarossen laufen über einen offenen Zahnriemen, „wenn da einer seinen Fuß reinbekommt, dann ist der ab.“

HB STUTTGART. Der aufstrebende Referent des Produktionsvorstandes eilt hinzu, schaut sich den Fall an, verspricht Abhilfe. Wenige Tage später muss sich kein Lackierer mehr bei Porsche Sorge um seine Füße machen – eine kleine Kulturrevolution.

Die Episode ist zwanzig Jahre her und soll das erste Zusammenkommen zwischen dem Arbeiter Uwe Hück und dem Manager Wendelin Wiedeking gewesen sein. Damals galt bei Porsche nur, was von oben verordnet wurde – wenige Jahre später war die Sportwagenschmiede so gut wie pleite.

Heute ist Porsche der profitabelste Autohersteller der Welt, Hück Gesamtbetriebsratschef und Wiedeking Vorstandsvorsitzender. Und wenn die beiden einen neuen Standortsicherungsvertrag verkünden, dann kommt der Kanzler, und Hück und Wiedeking lassen sich feiern wie Popstars. So geschehen vor drei Wochen im Stammwerk Zuffenhausen.

Solche Auftritte liebt der gebürtige Schwabe Hück. Mit stolzgeschwellter Brust verkündete der Zwei-Meter- Hüne vor den Arbeitern was er für sie erreicht hat: Hohe Investitionen und sichere Arbeitsplätze in den Stammwerken Zuffenhausen und Ludwigsburg bis 2010. In diesen Tagen werden beide ihre Unterschrift unter das Vertragswerk setzen.

Dafür müssen die Porsche-Beschäftigten flexibler arbeiten – und das, obwohl Porsche im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro verdient hat. Für Hück kein Widerspruch: „Wir machen jetzt Profite. Und die brauchen wir, um unsere Zukunft zu sichern. Ob wir auch in Zukunft Profite machen, weiß niemand.“ Eine bessere Verzichtsrhetorik findet auch Wiedeking nicht.

„Ich will anderen das ersparen, was ich selber durchgemacht habe“, sagt Hück. Mit zwei Jahren verliert er seine Eltern bei einem Verkehrsunfall, ein Kinderheim wird sein Zuhause. Er kämpft um Zuneigung und Anerkennung, Kollektive müssen die Familie ersetzen. Ob in der Schule oder im Sportverein, erst ist er der Rebell, dann der Anführer. Mit 15 zieht er gegen den Widerstand des Jugendamtes aus dem Heim aus und lernt Lackierer. Bestätigung findet er vor allem im Kampf: Seine Leidenschaft Thaiboxen macht er zum Profisport, zweimal wird er Europameister.

Noch heute steht er regelmäßig auf der Matte und misst seine Kraft. Russlanddeutsche trainiert er nach Feierabend, auf Fotos steht Hück umringt von schüchtern blickenden Jungs mit Bärenkräften. Im Ring sollen sie das Leben lernen, Ehrgeiz, Disziplin, Respekt. Sie machen Ausbildungen, einer studiert sogar.

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