Walter Maria de’Silva ist für das neue Auto-Gesicht bei VW verantwortlich
Ein Mann für die dynamische Linie

Wenn Walter Maria de’Silva nach den richtigen Worten sucht, sehnsüchtig durch seine randlose Brille schaut und die schlanken Finger langsam unruhig werden, dann wissen seine engsten Mitarbeiter schon Bescheid: Der Chef braucht Papier und am besten gleich mehrere Stifte.

MÜNCHEN. „Ich zeichne seit ich denken kann. Damit kann ich mich am besten ausdrücken. Dann bin ich glücklich – das war schon immer so“, sagt der 52-jährige Italiener, der deutsch zwar etwas versteht, aber mit seinen Mitarbeitern englisch spricht. Sein Blick wirkt wehmütig, fast zerbrechlich.

Wenn er vom Zeichnen schwärmt, spricht wohl der Künstler in ihm. Doch der schmale Norditaliener hat einen der wichtigsten und härtesten Jobs im VW-Konzern inne. Nach drei Jahren Warmlaufen bei Seat bestimmt er seit März 2002 das künftige Gesicht von Audi, Seat und Lamborghini.

De’Silva ist maßgeblich daran beteiligt, wie sich die drei Marken voneinander und vor allem von der Konkurrenz unterscheiden. Schließlich prägt das Design das Markenbild, was beim Autokauf immer wichtiger wird. So hängt es von de’Silvas Entwürfen und von denen seiner 150 Mitarbeiter ab, wieviele Kunden Audi künftig BMW, Mercedes oder auch Porsche abjagen kann. Audi-Chef Martin Winterkorn hat dem Konzern „mehr Sportlichkeit“, „mehr Muskeln, weniger fett“ verschrieben.

Kurz vor der IAA gibt sich der Audi-Designer verschwiegen. Was er in Frankfurt zeigen wird, will er nicht verraten. Einiges ist dennoch schon nach außen gedrungen. Nach Informationen des Handelsblattes wird Audi mit einer Konzeptstudie für einen Super-Sportwagen mit 500 PS einen entsprechenden Akzent setzen. Auch eine sportliche Kombi-Version auf Basis des Oberklassenmodells A8 ist im Gespräch.

So lässt sich der Designer nun doch entlocken wie das künftige Gesicht des Audis aussehen soll. Nur wenige Sekunden, Blatt, Papier und ein paar Striche braucht de’ Silva dafür: ein tiefgezogener, großer Kühlergrill, dynamisch ansteigende Seitenlinie, lang nach hinten gezogene abfallende Dachlinie. „Es ist gar nicht so schwer, schöne Autos zu zeichnen“, sagt er lächelnd. Er strahlt vor Selbstbewusstsein.

Autos waren schon immer seine Leidenschaft. Sehr zum Leidwesen seines Vaters. Der Architekt wollte immer, dass seine Söhne in seine Fußstapfen treten. „Wehe einer brachte keine eins im Zeichnen mit nach Hause.“ Nachdem sein Vater gemerkt habe, dass aus seinem Sohn kein Architekt zu machen war, half er dem Sprössling nur einmal in seiner Karriere. Er verschaffte dem damals 21-jährigen sein erstes Praktikum im Designzentrum von Fiat und empfahl ihm: „Ab jetzt musst Du allein zurechtkommen.“

Das erste Auto von de’Silva war ein weißer „Cinquecento“, der legendäre Fiat 500 mit Heckmotor. „Ein wunderschönes Auto“, erinnert er sich. Erstaunlicher weise hat der Autodesigner ein Lieblingsauto. Den legendären Citroen DS aus den 50er Jahren – „weil kein Serienauto im Design seiner Zeit so weit voraus war“, begründet er. Selbstbewusst zählt der sonst so zurückhaltende Manager auch den von ihm entwickelten Alfa Romeo 156 zu den fünf schönsten Autos der Welt. Mit dem preisgekrönten Modell schaffte er 1997 den internationalen Durchbruch

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„Es war einmalig, mit einer neuen Modellreihe, zur Rettung einer Automarke beizutragen. Die Freiheiten waren sehr groß, aber eben auch die Belastung.“, sagt de’Silva heute. Er habe immer das Glück gehabt, dass seine jeweiligen Vorgesetzten ihm vertrauten und große Freiheiten gelassen haben. Das sei auch jetzt bei Audi so, wenngleich die Aufgabe eine ganz neue Herausforderung sei. Denn anders als bei Alfa ist Audi bereits eine erfolgreiche Marke.

Audis Oberzeichner kann sich starker Rückendeckung sicher sein. Winterkorn hält große Stücke auf ihn und lässt kaum eine Gelegenheit aus, ihn zu loben. Auch in der Branche hört man fast nur gutes über den Italiener. „Mit de Silva hat Audi einen großen Fang gemacht“, sagt der Chef eines bedeutenden Zulieferers. Seine Mitarbeiter sehen in ihm gar einen „Visionär“.

Aber De’Silva ist mehr als ein Zeichner. Früh ist er gewohnt, in Prozessen zu denken. Nach seinen ersten Schritten bei Fiat arbeitet er in verschiedenen privaten Designstudios wie dem Instituto Idea in Turin. Bei letzterem arbeitet er mit Meistern wie Renzo Piano zusammen. Dabei machte er mit dem späteren Erfolgsarchitekten bereits Projekte für die Automobilindustrie, die sich schon damals mit Plattform-Strategie und Modul-Systemen beschäftigten, die heute zum Standard der Autoindustrie gehörten.

Wenn er Ablenkung braucht, entwirft er in seinem Mailänder Studio einfach Dinge des täglichen Gebrauchs wie Lampen, Stühle und Krüge. Im Juli hat er seine Entwürfe in Barcelona im weltberühmten Pavillon von Mies van der Rohe ausgestellt – „nur zum Spaß“. An Verkauf oder Serienproduktion denkt er dabei nicht. Die Ausstellung hieß „Autoemocion“. Ein Wortspiel übersetzt Auto-Gefühl oder Gefühl aus eigenem Antrieb.

De Silva sucht mit dem Stift auf dem Papier Spuren und spricht von romantischen Linien - auch wenn er über das Heck eines Prototyps fährt. Eine gekrümmte Linie sei eine Geschichte – eine Novelle - eine Romanze. Es wird eine spannende Frage, ob das mediterrane Gefühl mit dem der Ingolstädter Ingenieuren harmoniert. Seine Mitarbeiter sollten bei Vorschlägen aber besser eine Zeichnung dabei haben, die versteht der Chef auf jeden Fall.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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