Was Fernpendler auf dem Weg zur Arbeit bewegt
Gehetzte Berufsnomaden

Jeder fünfte Beschäftigte nimmt für den Job langes Pendeln in Kauf. Doch erst wenige Firmen kommen ihnen mit flexiblen Arbeitszeiten entgegen. Das hat Folgen.

DÜSSELDORF. Vier Stunden ist Bernd Schnakenberg täglich unterwegs. Der Medizintechnik-Ingenieur lebt in München und arbeitet in Erlangen. Eine Wegstrecke dauert zwei Stunden. Doch den Manager, der bei Siemens den Europa-Vertrieb für Ultraschall leitet, stört das wenig. „Ob ich im Büro oder im Zug arbeite, ist egal: Auf der Rückfahrt erledige ich noch einige Aufgaben, und wenn der Zug dann München Hauptbahnhof erreicht, fühle ich mich wirklich im Feierabend angekommen.“

Zudem fliegen er und seine Lebensgefährtin regelmäßig in ihre Heimatstadt Hamburg. Seit siebeneinhalb Jahren pendelt der 45-Jährige – für ihn die beste Lösung: „Ich habe Nürnberg als Wohnort ausprobiert, aber das war es nicht für mich. Wenn ich schon hart und viel arbeite, muss das Umfeld stimmen. Und das ist für mich unter der Woche München und am Wochenende Hamburg.“

Eine Einstellung, die Philipp Gebhard, Partner der Personalberatung Acclivitas, öfter beobachtet: „Wer sich an seinem Wohnort wohlfühlt, ist heute nicht mehr unbedingt bereit, für den Job umzusiedeln.“ Der will der Familie nicht zumuten, das soziale Umfeld und die Schule zu wechseln. Oft hört Gebhard: „Wer weiß, wie die Welt in zwei Jahren aussieht? Bevor ich für die neue Stelle alles aufgebe, bin ich lieber eine Zeit lang unterwegs.“

Schnakenberg gehört zu den 20 Prozent der deutschen Vollerwerbstätigen, die aus beruflichen Gründen ständig mobil sind. Die meisten sind Fernpendler mit täglich mindestens zwei Stunden Fahrzeit. Das ergab die europäische Studie „Job Mobilities and Family Life“ unter Federführung des Soziologischen Instituts der Uni Mainz. 7 150 Berufstätige von 25 bis 54 Jahren aus sechs Ländern wurden befragt.

Entgegen allen Vorurteilen – Deutsche sind im Vergleich zu anderen Europäern mobiler, wenn es die Arbeit erfordert. Jeder zweite deutsche Pendler ist sogar seit über fünf Jahren ständig auf Achse. Allerdings führt Mobilität heute nicht mehr überwiegend zu einem Aufstieg auf der Karriereleiter. Sie dient eher dazu, Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg zu vermeiden, so die Studie.

Hinzu kommt: Für 61 Prozent der Befragten ist Pendeln die einzige Möglichkeit, damit beide Partner arbeiten können. Denn viele finden am neuen Arbeitsort des Partners keinen adäquaten Job. Gerade qualifizierte Frauen wollen immer weniger das Risiko eingehen, ihren Beruf aufzugeben – spätestens seitdem die Versorgungsansprüche im Scheidungsfall radikal gekappt wurden. Dafür nehmen sie viele Opfer auf sich: Denn das Management von Haushalt und Kindern bleibt zum Großteil an ihnen hängen. Zwei Drittel der Partner fühlen sich ebenso oder gar stärker belastet als der Mobile selbst, ergab eine frühere Mainzer Studie.

Fakt ist: Das Pendlerleben ist meist mit Stress verbunden ist. 71 Prozent der Befragten klagen über ständigen Zeitdruck, mehr als jeder Zweite über häufige Erschöpfung. „Die Unfallgefahr ist nicht zu unterschätzen. Sie ist gerade für Autopendler das Gesundheitsrisiko Nummer eins“, sagt Verkehrspsychologe Thomas Wagenpfeil vom Tüv Süd.

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