Wie Roman Abramowitsch zum reichsten Russen wurde
Der große Unbekannte mit dem Fußball-Tick

Von 100,3 Millionen auf 13,1 Milliarden Dollar in knapp zehn Jahren. So kann man Roman Abramowitschs Turbo-Werdegang auf eine knappe Formel bringen. „Niemand kann legal in Russland in so kurzer Zeit so reich geworden sein“, kommentierte Kremlchef Wladimir Putin kürzlich – allerdings über Michail Chodorkowskij. Der frühere Yukos-Chef sitzt inzwischen – wegen Betruges bei der Privatisierung und wegen Steuerhinterziehung zu acht Jahren Haft verurteilt – im Gefängnis.

Abramowitsch, der Chodorkowskij mit geschätzten 14,7 Mrd. Dollar Vermögen von Platz eins der russischen „Forbes“-Geldrangliste verdrängt hat, braust dagegen auf seiner 377-Fuß-Yacht „Pelorus“ im Mittelmeer herum. Vor zwei Jahren kaufte er den Londoner FC Chelsea für 59,3 Mill. Pfund und päppelte die Kicker mit Investitionen von weiteren 300 Mill. Pfund zum englischen Titel hoch. In Russland ist der 38-jährige Abramowitsch der große Unbekannte. „Ich sehe in meinen Ausgaben keine Investitionen. Ich will Spaß haben, Erfolg und Trophäen gewinnen“, kommentierte er seinen Kaufrausch.

Zurück zum Geschäft: Im Dezember 1995 bekam eine dubiose Investorengruppe um Abramowitsch und seinen damaligen Verbündeten und heutigen Polit-Emigranten Boris Beresowskij für 100,3 Mill. Dollar 51 Prozent der Aktien der kurz zuvor vom damaligen Präsidenten Boris Jelzin per Ukas gebildeten Ölfirma Sibneft. Das waren gerade mal 300 000 Dollar mehr als der Startpreis bei einer gefingerten Auktion, bei der rivalisierende Banken ausgebootet wurden. Für 13,1 Mrd. Dollar wird der staatlich kontrollierte russische Energiegigant Gazprom laut seiner gestrigen Ankündigung jetzt Abramowitschs 72,7-prozentigen Sibneft-Anteil kaufen. 2,3 Mrd. Dollar – und damit mehr als den gesamten Reingewinn – hatten sich die Sibneft-Aktionäre kurz zuvor noch als Dividenden für 2004 genehmigt.

Als „politische Rendite“ bezeichnen viele Analysten in Moskau den weltweit drittgrößten Bargeld-Deal in der Ölbranche. Alle anderen Fusionen und Übernahmen waren mit Aktien abgewickelt worden. „Politische Rendite“, denn Abramowitsch und Beresowskij sollen ausgerechnet den früheren Vize-Bürgermeister von St.Petersburg, Wladimir Putin, bei Jelzin eingeführt haben, wissen Kreml-Insider zu berichten. Abramowitsch und Beresowskij, dem 2003 mit 1,3 Mrd. Dollar sein Sibneft-Abgang abgepresst worden sein soll, waren seinerzeit fast täglich im Kreml und galten als „Portemonnaie“ der Jelzin-Familie.

Offiziell ist Abramowitsch Gouverneur der Pazifikhalbinsel Tschukotka, einem ebenso entlegenen wie verarmten Landstrich. Millionen hat er für moderne Häuser spendiert, gleichzeitig aber mindestens ebensoviel an Steuervorteilen für die Registrierung der Firmen seiner Holding Millhouse Capital - darunter Sibneft - dort erhalten haben. So zahlte Sibneft 2003 nur 7,5 Prozent Gewinnsteuern, während der landesweite Steuersatz für Unternehmen 24 Prozent beträgt.

Woher der öffentlichkeitsscheue Milliardär mit drei der 20 weltweit größten Yachten und einer privaten Boeing 767 tatsächlich sein Geld hat, weiß allerdings bis heute niemand.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%