Wolfgang Mayrhuber
Still und stur auf Kurs

Wolfgang Mayrhuber baut jetzt mit Egypt Air die Star Alliance weiter aus. Aber bei der drängenden Konsolidierung der Luftfahrtbranche bleibt der Vorstandschef der Deutschen Lufthansa eher zögerlich. Und schaltet mitunter einfach mal auf stur.

KAIRO. Egypt Air, die staatliche Fluggesellschaft Ägyptens, weiß ihren Beitritt zur Star Alliance in Szene zu setzen. Der Mohamed Ali Palace in Kairo ist für die Zeremonie gerade gut genug: Die meterdicken Mauern und eisenbeschlagenen Fensterläden erstrahlen in grünem Licht, den roten Teppich umtanzen zwei Dutzend Derwische, und im Palast erwarten die 700 geladenen Gäste eine Mischung aus Tausendundeiner Nacht und österreichischer K.u.k-Monarchie.

An Tafel Nummer eins, direkt vor dem Orchester, sitzt Wolfgang Mayrhuber. Der Vorstandschef der Deutschen Lufthansa prostet sich mit dem Chairman von Egypt Air, Atef Abdel Hamid, zu: „My dear Friend“.

Dinner wie diese in feinem Zwirn und ohne Zwist sind rar geworden in der internationalen Luftfahrt. Die schöne alte Welt der Allianzen neigt sich dem Ende zu. Die hässliche neue Welt ist die der Konsolidierung. In ihr ist Mayrhuber weder leutselig noch gesprächig, sondern eher zu zögerlich – aus gutem Grund. Jede Interessensbekundung würde die Preise treiben und Rivalen wie Air France oder Finanzinvestoren aufmerksam machen.

Der Frage, ob er an den zum Verkauf stehenden Fluggesellschaften Alitalia und Iberia interessiert sei, weicht Mayrhuber auch an diesem Tag in Kairo aus: „Eine Übernahme muss ökonomisch Sinn machen. Wir spielen nicht Schiffchen versenken“, sagt er, lächelt leise und dreht sein Glas mit Erdbeersaft in der Hand.

Die Katze aus dem Sack lässt der gebürtige Österreicher, der spätestens seit seiner im Jahr 2005 geschickt eingefädelten Übernahme der stolzen Swiss als schlauer Fuchs gilt, nur dort, wo er es sich leisten kann. Wird sich Lufthansa an Spanair oder BMI beteiligen? „An BMI sind wir bereits beteiligt, und warum sollten wir da nicht mehr machen? An Spanair haben wir kein Interesse.“

Der Grund für seine klaren Worte: Die zweitgrößte spanische Fluggesellschaft Spanair gilt so gut wie verkauft – zurückverkauft an ihre Gründer. Bei BMI hat Lufthansa ein Vorkaufsrecht – und die Aufstockung der Anteile auf 50 Prozent minus einer Aktie ist nur eine Frage des Preises. Mayrhuber ist seit dem Jahr 2003 Vorstandsvorsitzender der größten deutschen Fluggesellschaft und hat sie seitdem kräftig umgebaut – vom diversifizierten Luftreisekonzern zur fokussierten, zweitgrößten Fluggesellschaft Europas.

Im laufenden Geschäftsjahr ist die Lufthansa mit der Swiss auf Rekordkurs – bei Umsatz und Gewinn. Von seinem Vorgänger, dem trotz manchen Wutausbruchs als „Mr. Lufthansa“ verehrten und heutigen Aufsichtsratschef Jürgen Weber, „spricht heute keiner mehr“, sagt ein langjähriger Lufthanseat: „Mayrhuber wird nicht geliebt, Mayrhuber – und das ist ein viel größeres Verdienst – wird geachtet.“

Mayrhuber, dessen Vertrag Ende 2010 endet, ist trotz aller Höhenflüge ein Manager mit Bodenhaftung geblieben. Seine Art ist höflich und offen. Auf Veranstaltungen lässt er gerne mal die Augen schweifen. Ein fröhliches Zwinkern und ein kurzes Kopfnicken ist dann seine Form des stillen Grußes. Einen privaten Jet, wie ihn andere Dax-Chefs ihr Eigen nennen, hat Mayrhuber nicht. Der Herr der Kraniche fliegt Linie – und sitzt auf Kurzstrecken auch schon mal in der Economy.

Aber im Übernahmepoker mischt Mayrhuber kräftig mit – in die Karten schauen lässt er sich wie einst bei der Swiss freilich nicht. Während er in Kairo die arabische Küche genießt und mit dem Chef von Egypt Air parliert, spricht wahrscheinlich gerade einer seiner Unterhändler mit einem McKinsey-Berater wegen Alitalia, wägt ein anderer die Synergien bei Iberia ab und verhandelt ein dritter in Stockholm mit SAS über die Modalitäten für die Aufstockung der Anteile an BMI. Allen Berechnungen liegt aber Mayrhubers Motto zugrunde: Lieber mal eine Chance nicht zu ergreifen, als eine übereilte Entscheidung zu treffen, die einer Fluggesellschaft in ihrer zyklischen Industrie die Flügel brechen kann.

Konkret bedeutet dies: Übernahmeziele müssen die investierten Finanzmittel kurz- bis mittelfristig zurückverdienen. Die ertragsschwache Iberia ist ihm deshalb für vier Milliarden Euro „zu teuer“. Als Techniker hat Mayrhuber gerne die Kontrolle, sprich die Mehrheit. Bei Alitalia sind ihm deshalb 49 Prozent zu wenig.

Trotz aller Berechnungen und Berater: Die Entscheidungen trifft Mayrhuber allein, und drängeln lässt er sich bei deren Findung von nichts und niemandem. Seine Sturheit gibt er auch nicht auf, wenn er vorgeführt zu werden droht wie jüngst von Thomas Middelhoff. Der Mehrheitseigner der Ferienfluggesellschaft Condor hatte erst Minderheitseigner Mayrhuber seine 75 Prozent angeboten. Der Plan: Condor, den Ferienflieger Tuifly sowie den Billigflieger Germanwings zu vereinen und gegen die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin sowie Europas führende Billigfluglinien Ryanair und Easyjet ins Feld zu führen.

Middelhoff ging es aber nicht schnell genug. So lief er zu Air-Berlin-Chef Joachim Hunold. Der zögerte nicht lange und kaufte Middelhoff die 75 Prozent Anteile an Condor ab. Der Coup macht Hunold im ersten Moment zum mutigen Macher – und Mayrhuber zum Zauderer. „Vor einem Gesichtsverlust haben Mayrhuber nur die für Air Berlin nicht optimalen Konditionen bewahrt: der hohe Preis, die über zwei Jahre mögliche Blockadehaltung durch Lufthansa und der Verbleib der Markenrechte bei Lufthansa“, sagt ein Insider.

Die Luftnummer mit Middelhoff ficht Mayrhuber nicht an. Er bleibt locker genug, um kurz nach der Schlappe mit breitem Lachen die Damenfußballnationalmannschaft als neuen Weltmeister am Frankfurter Flughafen zu begrüßen. Ganz akzeptieren kann und will er die neue Air Berlin aber noch nicht. Auf Freundschaftsdienste, sprich die vorzeitige Freigabe des Lufthansa-Minderheitsanteils von 25 Prozent an Condor, brauchen Middelhoff und Hunold vorerst nicht zu hoffen.

Mayrhuber hat auf stur geschaltet. Auf die Frage, ob es weiter Gespräche mit Middelhoff gebe, sagt er in Kairo: „Es herrscht Sendepause!“ Und eine Tuifly könne er sich unter dem Dach der Lufthansa auch nicht vorstellen. Die Konsolidierung in Deutschland liegt erst einmal auf Eis.

Vita

1947

Wolfgang Mayrhuber wird am 22. März in Waizenkirchen in Österreich geboren. Er studiert Maschinenbau an der Höheren Technischen Bundeslehranstalt in Steyr/Österreich sowie am Bloor Institute in Kanada.

1970

Er beginnt bei Lufthansa als Ingenieur der Triebwerkswartung, weil ihm die Lufthansa-Pilotenschule absagt. Von seinem Traumberuf Pilot muss er sich deshalb verabschieden. Doch als Chef eines Sanierungsteams empfiehlt er sich später für höhere Aufgaben im Konzern.

1994

Er wird Chef der Wartungstochter Lufthansa Technik AG.

2001

Mayrhuber rückt dank seines Förderers, des Konzernchefs Jürgen Weber, in den Zentralvorstand der Lufthansa auf und leitet das größte Geschäftsfeld Passagierverkehr.

2003

Er wird am 18. Juni Konzernchef.

2005

Im März wird sein Vertrag bis Ende 2010 verlängert. Wolfgang Mayrhuber ist verheiratet und hat drei Kinder.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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