Yang Yuanqing
Stühlerücken

Das Geschäft läuft beim chinesischen Konzern Lenovo derzeit schlecht. Deshalb setzt Yang Yuanqing den amerikanischen Chef vor die Tür und übernimmt beim weltweit viertgrößten Computerhersteller wieder selbst die Macht.

MÜNCHEN. In Amerika waren es die Garagen im Silicon Valley, in denen einige der bekanntesten High-Tech-Konzerne entstanden. Lenovo stammt dagegen aus einem kleinen, einstöckigen Häuschen aus Beton in Peking. „Es war kalt und primitiv“, erinnert sich Zhou Xiaolan, einer jener elf Pioniere, die den chinesischen Computerhersteller 1984 gründeten.

Als Yang Yuanqing vier Jahre später hinzustößt, da ist das zugige Zweiraum-Büro längst zu klein geworden. Legend, wie die Firma in jenen Tagen noch heißt, beginnt gerade mit der Produktion von Hauptplatinen. Dann geht es schnell: Das Unternehmen baut Computer, geht an die Börse von Hongkong, kauft 2004 schließlich die PC-Sparte des US-Konzerns IBM. Und immer mittendrin: der junge Informatiker Yang.

Seit gestern steht der 44-Jährige als Chief Executive Officer (CEO) an der Spitze von Lenovo. Wieder einmal. Denn schon von 2001 bis 2004 war der Sohn eines Ärzteehepaars für das Geschäft der bekanntesten chinesischen Elektronikmarke verantwortlich. Aber dann, als Lenovo den PC-Bereich von IBM kaufte, überließ der Chinese die Führung US-Managern, zuletzt dem IT-Veteran William „Bill“ Amelio. Yang begnügte sich mit dem Vorsitz im Verwaltungsrat.

Doch damit ist jetzt Schluss. Yang hat den Stanford-Absolventen Amelio vor die Tür gesetzt, weil er im vergangenen Quartal tiefrote Zahlen ablieferte. Noch jemand kehrt zurück: Liu Chuanzhi, einer der Gründer und langjähriger Chef, wird Chairman. Das Management des Unternehmens ist so wieder vollständig in chinesischer Hand.

„Lenovo steht das Wasser bis zum Hals. Die Firma braucht einen CEO mit einer klaren Strategie“, sagt Renault Kam vom Vermögensverwalter Atlantis Investment Management in Hongkong. Im abgelaufenen Quartal hat das Unternehmen einen Verlust von 75 Millionen Euro eingefahren. Die weltweiten Verkäufe seien um 20 Prozent zurückgegangen, teilte Lenovo mit. In China habe der Rückgang sieben Prozent betragen.

Doch Amelio ist nicht an den schwachen Quartalszahlen gescheitert. Sie waren nur der aktuelle Auslöser. Dem glatzköpfigen Amerikaner ist es nicht gelungen, die ambitionierten Pläne der Chinesen zu verwirklichen. „Wir werden zu den ganz Großen der Industrie gehören“, hatte Yang schon vor vier Jahren auf der Computermesse Cebit getönt.

Doch daraus ist nichts geworden. Der Abstand zu den führenden Rivalen Hewlett-Packard und Dell ist so groß wie eh und je. Vergangenes Jahr wurde Lenovo sogar von Acer aus Taiwan überholt.

Analysten sind fest davon überzeugt, dass sich Lenovo nun wieder stärker auf den Heimatmarkt konzentrieren wird. Das deutete gestern auch Chairman Liu an: „China ist das Fundament unseres weltweiten Geschäfts. Deshalb werden wir uns ganz besonders stark darum kümmern.“ Amelio hatte die Firma mit ihren 24 000 Mitarbeitern seit seinem Amtsantritt Ende 2005 vom amerikanischen Raleigh aus geführt.

Der neue alte Chef Yang ist bekannt für seine markigen Worte. In Interviews mit westlichen Medien hat er gerne die großen Pläne des Konzerns beschworen. Trotz seiner vollmundigen Ankündigungen hat er es aber nicht geschafft, außerhalb Chinas ein großes Privatkundengeschäft aufzubauen. In Deutschland spielt Lenovo unter den Konsumenten kaum eine Rolle. Auch deshalb liegen die Konkurrenten vorne.

Yang hat in den nächsten Monaten einen schweren Job. „Eine Erholung des chinesischen Marktes ist nicht in Sicht“, sagt Joseph Ho von Daiwa Securities. Zudem muss Yang so schnell wie möglich den Stellenabbau hinter sich bringen: 2 500 Mitarbeiter müssen gehen, mehr als zehn Prozent der Belegschaft.

Er selbst ist vor einigen Jahren mit seiner Familie aus China nach Amerika gezogen. Sein zuvor bescheidenes Englisch hat der Vater von drei Kindern seither deutlich verbessert. Ob es aber klug war, gleich die gesamte Zentrale in die USA zu verlegen, daran haben die Analysten in der Volksrepublik ihre Zweifel. Denn so hätte Lenovo seine chinesischen Stärken leichtfertig aufgegeben, kritisieren sie.

Nun aber wird der Konzern nicht nur an der Spitze umgebaut, sondern auch auf der zweiten Führungsebene. So erhalten die Chinesen wieder mehr Einfluss im Konzern, analysieren die Marktforscher von Gartner. Offenbar hat Yang erkannt, dass er mit der Amerikanisierung einen Fehler gemacht hat. Nun muss er beweisen, dass er es besser kann.

1964 Er wird am 12. November als Sohn eines chinesischen Chirurgen-Ehepaars geboren. Yang wächst in der Provinz Anhui auf. Er schließt 1988 die Chinesische Universität der Wissenschaften und Technik mit einem Master ab. Zuvor hat er Informatik an der Jiaotong-Universität studiert.

Yang Yuanqing

1988 Yang startet seine Karriere bei Legend, wie der Computerhersteller damals heißt. Schon 1994 verantwortet er das PC-Geschäft.

2001 Er wird Chief Executive Officer (CEO) des börsennotierten Konzerns, fädelt die Übernahme der PC-Sparte von IBM ein und benennt Legend in Lenovo um.

2004 Yang gibt den Vorstandsvorsitz auf und wechselt an die Spitze des Verwaltungsrats.

2009 Er kehrt zurück ins operative Geschäft und wird neuer CEO.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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