Zum Tod von Rudi Carrell
Der deutsche Holländer

Rudi Carrell ist tot. Die Fernsehwelt verliert mit dem Meister der Show den Wegbereiter für die TV-Generation der Jauchs und Raabs – vor der Kamera wie im Geschäftsleben.

DÜSSELDORF. Für Rudi Carrell war die Welt ganz einfach. So schrieb er in seiner Biografie „Gib mir mein Fahrrad wieder“: „Ich wurde am 19. Dezember 1934 in dem holländischen Städtchen Alkmaar von meinem Vater beim Standesamt angemeldet, am Schalter Geburt K-Z unter dem Namen Kesselaar – Vornamen Rudolf Wybrand, Rufname Rudi. Am 17. Oktober 1953 wurde ich Showmaster – genau wie mein Vater, der sich inzwischen André Carrell nannte, und ich teilte meinem Publikum mit, dass ich Rudi Carrell hieß, erzählte ein paar Witze und kassierte 50 Gulden. Später heiratete ich ein liebes Meisje, bekam zwei Töchter und wurde der größte holländische Fernsehstar, weil ich die größte Gage bekam. 1965 bot das deutsche Fernsehen noch etwas mehr, und ich trennte mich von meiner Heimat – und meine Frau sich von mir.“

Es ist bezeichnend, dass Carrell dies bereits im Alter von 45 Jahren schrieb. Niemand im deutschen TV-Gewerbe hatte solch ein Gespür, was wann funktioniert. Und das nicht nur vor der Kamera: Carrell war das Vorbild für jene Generation der Moderatoren der Jauchs und Raabs, die ihre Sendungen selbst produzieren und so ihr Einkommen beträchtlich mehren. Wie am Montag bekannt wurde, starb Rudi Carrell am vergangenen Freitag im Alter von 71 Jahren an Krebs.

„Jeder Mensch braucht ab und zu ein bisschen Schwein“, intonierte er in einem seiner Schlager Schwein, davon hatte er viel. 1965 entdeckt ihn Produzent Mike Leckebusch beim TV-Wettbewerb in Montreux. Der Radio-Bremen-Mann verspricht seinen Chefs: „Ich habe eine Show gesehen, die kostet nichts.“ Das Nichts waren 65 000 Mark pro Sendung, 25 000 davon bekommt der schlacksige Moderator. In seiner Heimat war Carrell aufgefallen durch eine TV-Show und den vorletzten Platz beim Schlager-Grand-Prix 1960.

Früh erweist er sich nicht nur als begnadeter Unterhalter, sondern auch als Mann mit Gespür fürs Geschäftliche. Radio Bremen als kleiner Sender lässt ihm alle Freiheiten, doch um seine Ideen umzusetzen, braucht er einen finanzstarken Partner – also hält Carrell gute Kontakte nach Köln: „Wir haben in Bremen produziert, aber ich habe immer dafür gesorgt, dass der WDR bezahlt“, sagte er über „Rudis Tagesshow“.

Carrell wird zum überleitenden Element, zum „Vorbild für alle nach ihm kommenden Generationen von Showmastern und Entertainern“, wie ZDF-Intendant Markus Schächter sagt. Er löst die in feinem Zwirn gewandeten Show-Master mit ihren Show-Treppen und Show-Girls ab, ersetzt Glitter durch Witz und wird so zum Vorboten einer Generation der Stefan Raabs, bei denen das Verschieben der Grenzen System ist.

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