Billige Gefangenenarbeit
Der Knast als Konzern

Ein fester Job hinter Gittern? Was Außenstehenden merkwürdig vorkommen mag, ist im Strafvollzug schon lange gängige Praxis – mit positivem Nebeneffekt für die Haftanstalten selbst. Sie entwickeln sich zu umsatzstarken Wirtschaftsunternehmen – dank billiger Gefangenenarbeit.
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Es ist ein arbeitsreicher Tag für Detlef Schulz*. Die Schreinerei, in der er mit rund 40 Kollegen arbeitet, hat eine Reihe von Aufträgen zu erledigen. Seit 6.50 Uhr steht der 49-Jährige in einer großen Halle zwischen Regalböden, Schrankwänden, meterhohen Spanplatten, Computern und lärmenden Maschinen; bis morgen muss er eine Tischplatte mit komplizierten Kanten fertigen. Schulz kommt gut voran. Er zählt zu den Stützen des Betriebs und ist auf Sonderanfertigungen spezialisiert; er darf sogar die hauseigene CNC-Maschine bedienen. Um 16 Uhr ist das Tagwerk getan. Schulz packt seine Sachen zusammen und geht nach Hause. 150 Meter weiter. Zum Wohntrakt I. In Zelle 123.

Zu Hause - das ist für den Doppelmörder Detlef Schulz seit 2003 die Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl, eine der größten Haftanstalten Deutschlands und spezialisiert auf besonders schwere Jungs. Hinter den stacheldrahtbewehrten Gittern und Mauern des ehemaligen "Königlich-Preußischen Zentralgefängnisses" muss er eine lebenslange Haftstrafe absitzen. Sein Arbeitsplatz, die Schreinerei, ist mehrfach gesichert und abgeschlossen. Drinnen sehen mehrere Justizbeamte nach dem Rechten. Draußen passen Wachleute auf hohen Kontrolltürmen auf, dass auf dem zehn Hektar großen Gefängnisgelände keiner auf dumme Gedanken kommt.

Für Schulz sind die wöchentlich 39 Stunden in der Schreinerei - die Arbeitszeit orientiert sich am öffentlichen Dienst - eine willkommene Abwechslung vom tristen Knastalltag, die er nicht missen will: "Den ganzen Tag in der Zelle hocken, da würde man doch durchdrehen." Von seinem schmalen Gehalt, rund 180 Euro im Monat, kann er sich im Knast-Büdchen mit Lebensmitteln, Süßigkeiten, Zeitschriften und Tabak versorgen.

Ein fester Job hinter Gittern? Was Außenstehenden merkwürdig vorkommen mag, ist im Strafvollzug schon lange gängige Praxis. Prinzipiell besteht für rund 70 Prozent der derzeit knapp 77 000 Strafgefangenen in Deutschland eine Arbeitspflicht, ausgenommen sind nur erwachsene Untersuchungshäftlinge und über 65-Jährige. Die Knastarbeit ist zum einen wichtiger Bestandteil der Resozialisierung: "Die Gefangenen sollen sich an einen geregelten Arbeitstag gewöhnen und so für die Zeit nach ihrer Entlassung vorbereitet werden", sagt Markus Biermann, Leiter der Arbeitsverwaltung in der JVA Werl. Zum anderen ist die Häftlingsarbeit aber auch ein wichtiger ökonomischer Faktor: Reine Beschäftigungstherapie und Tütenkleben sind passé, die Gefangenen werden stattdessen nach betriebswirtschaftlichem Kalkül eingesetzt.

So betreibt die JVA Werl ein ganzes Konglomerat von Handwerksunternehmen. Hinter den Gefängnismauern gibt es neben der Schreinerei einen Recyclingbetrieb zur Kabelzerlegung (41 Mitarbeiter), eine große Schneiderei (72 Mitarbeiter), eine Deko-Artikel-Produktion (30), eine Bäckerei (24) und eine Schlosserwerkstatt (15). Das Mobiliar der Anstalt, die Kleidung der Häftlinge, die Bettwäsche, die Brötchen - alles kommt aus eigener Produktion. Die Knastfirmen fertigen aber bei Weitem nicht nur für den Eigenbedarf: Zur Kundschaft gehören Schulen, Behörden, Gerichte, private Unternehmen - und sogar Privatleute, die hier Nackenkissen, Grillschürzen, Bürostühle, Holzosterhasen oder Hundeleinen einkaufen.

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