Bisher zögerliche Reaktion
Krisenbekämpfung: Brasilien hat noch Spielraum

Brasilien begegnet der Krise bislang zögerlich. Während die Zentralbank schrittweise neue Liquidität in den Markt pumpt, beschränkt sich die Regierung vorerst auf punktuelle Maßnahmen etwa zu Gunsten der Kfz-Industrie und der Baubranche. Das Land verfügt aber über ein machtvolles Anti-Krisen-Instrument: hohe Zinsen.

SAO PAULO. Henrique Meirelles, der international anerkannte Präsident der brasilianischen Zentralbank, fährt einen besonnenen und langfristig ausgerichteten geldpolitischen Kurs. Unmittelbar nach Ausbruch der Krise senkte er die Pflichteinlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank und führte dem Markt auf diese Weise etwa 95 Mrd. brasilianische Real (umgerechnet gut 31 Mrd. Euro) zu. Den Leitzins Selic senkte die Zentralbank lediglich um einen Prozentpunkt und zwar erst Mitte Januar 2009, als die Inflation infolge der sinkenden Nachfrage und der niedrigen Commoditypreise keine Gefahr mehr darstellte. Bei einem Leitzins von nach wie vor 12,75 Prozent (Stand: 12.2.09) bleibt ein großer Spielraum, um die Wirtschaft über weitere Senkungen mit Kapital zu versorgen. Der Finanzmarkt rechnet damit, dass der Leitzins bis Ende 2009 mindestens zwei weitere Prozentpunkte fällt. Zahlreiche Ökonomen fordern einen wesentlich größeren Schritt um fünf bis sechs Prozentpunkte.

Einen Teil der hohen Devisenreserven stellt die Zentralbank Unternehmen zur Verfügung, damit sich diese im Ausland entschulden können, ohne unter dem starken Dollarkurs zu leiden. Zu diesem Zweck sollen bis zu 36 Mrd. Dollar bereitstehen. Das Budget der staatlichen Entwicklungsbank Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico e Social (BNDES) für 2009 und 2010 wurde um 100 Mrd. Real aufgestockt. Nach Angaben von BNDES-Präsident Luciano Coutinho wird seine Institution 2009 mit 120 Mrd. Real Unternehmen fördern, unter anderem durch das Finame-Programm, das die Anschaffung beziehungsweise das Leasing von Kapitalgütern zu 100 Prozent finanziert. Die Zulieferer der Schiffbauindustrie sollen verstärkt BNDES-Mittel erhalten, um die große Nachfrage durch Petrobras bewältigen zu können. Die beiden staatlichen Banken Banco do Brasil und Caixa Econômica Federal haben die Erlaubnis, sich an anderen Finanzmarktinstitutionen zu beteiligen. Als ersten Schritt erwarb die Banco do Brasil die Banco Votorantim, unter anderem um deren Knowhow in der Gebrauchtwagenfinanzierung zu nutzen.

Um das allgemeine Konsumklima zu verbessern, senkte das Finanzministerium die Einkommenssteuer und die Finanztransaktionssteuer, die beispielsweise auf Kredite und Devisentausch erhoben wird. Außerdem verlängerte es die Zahlungsfrist diverser Steuern, unter anderem der Industrieproduktsteuer IPI, der Einkommenssteuer und verschiedener Sozialabgaben. Zur großen Erleichterung der Kfz-Hersteller sank als erste direkte Förderung einer Branche im Dezember 2008 die IPI-Steuer auf den Kauf von kleinen Pkw, später auch für größere Pkw und leichte Nutzfahrzeuge. Diese Maßnahme zeigte sofort Wirkung. Nach einem Einbruch von Produktion und Absatz im Oktober und November, fand die Branche im Dezember und Januar wieder den Vorwärtsgang. Im Dezember stieg der Absatz von Kfz nach einem Minus von 34,4 Prozent im November um 9,4 Prozent. Die Produktion zog im Januar nach und verdoppelte sich gegenüber Dezember. Nach erheblichen Sorgen bei Ausbruch der Krise und langen kollektiven Ferien äußern sich viele Branchenvertreter mittlerweile wieder positiv über ihre Geschäftsaussichten. Die abgesenkte IPI gilt vorerst bis Ende März 2009 und wird voraussichtlich bis Ende Juni verlängert.

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