Drägerwerk
Drägerwerk: der Lübecker Lebensretter

Lieber Schaden als Schande, ist das Motto des Familienunternehmens Drägerwerk, bei dem mit dem 45-jährigen Stefan Dräger inzwischen die fünfte Generation am Ruder ist. Vor 120 Jahren als Laden- und Werkstattbetrieb gegründet, gilt der Anbieter von Medizin- und Sicherheitstechnik seit langem als Aushängeschild des typisch deutschen Mittelstands.

LÜBECK. Heinrich Breloers jüngste Verfilmung von Thomas Manns Familienepos "Buddenbrooks" schildert vor allem den Verfall der Lübecker Kaufmannssippe. 1929 für dieses Frühwerk mit dem Literaturnobelpreis geehrt, hat Mann bis heute beispielhaft herausgearbeitet, wie Standesdünkel und Fehlspekulation innerhalb von nur vier Generationen eine Getreidegroßhandlung abwirtschaften. Der Verfall beschleunigt sich, als der letzte Firmenchef das familiäre Credo missachtet: "Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können."

Doch die Kaufmannsstadt Lübeck hat Gegenbeispiele zu bieten. "Lewer Schaden as Schimp", lieber Schaden als Schande, ist das Motto des Familienunternehmens Drägerwerk, bei dem mit dem 45-jährigen Stefan Dräger inzwischen die fünfte Generation am Ruder ist. Vor 120 Jahren als Laden- und Werkstattbetrieb gegründet, gilt der Anbieter von Medizin- und Sicherheitstechnik seit langem als Aushängeschild des typisch deutschen Mittelstands. Die Lübecker machten im Jahr 2007 mit Atmungsgeräten, Narkoseapparaten, Tauchsystemen und Feuerwehrausrüstungen einen Umsatz von gut 1,8 Mrd. Euro und beschäftigen mehr als 10 000 Mitarbeiter.

Es ist vor allem das Verdienst von Heinrich Dräger, dass die Kette der Familienkontinuität nicht gerissen ist. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lenkte er die Geschicke des Unternehmens in der Hansestadt. Dabei war der Einstieg alles andere als geordnet: Kaum hatte der studierte Landwirt promoviert, musste er 1928 als noch nicht einmal ganz 30-Jähriger - nach dem frühen Tod des Vaters - die Leitung des Drägerwerks übernehmen. "Eigentlich hätte er sich lieber weiter mit Landwirtschaft befasst", sagt Sohn Christian, später selbst für einige Jahre Firmenchef.

Stattdessen muss Heinrich Dräger eine Firma führen, die Inflation und Wirtschaftskrise in den 20er-Jahren fast ausgelöscht haben. Der junge Mann greift die Aufgabe mit dem ihm eigenen Elan an. Frisch berufen, reist er ein Vierteljahr durch die Schlüsselmärkte USA und Kanada, spricht mit Ärzten, Krankenschwestern, Bergarbeitern und Feuerwehrmännern. In den 30er-Jahren bereist der neue Chef auch die Sowjetunion.

Heinrichs Reiserechnung geht auf. Der Export garantiert das Überleben: Während die Inlandsnachfrage zusammenbricht, mildern die Auslandsgeschäfte die Verluste. Jedes zweite Produkt wird ausgeführt. Nebenbei befasst sich der Agrarökonom mit den drängenden wirtschaftlichen und sozialen Fragen der Zeit. 1931 gründet Heinrich Dräger die "Studiengesellschaft für Geld und Kreditwirtschaft" als Lobby der gerade aufkommenden Bewegung der Keynesianer, die Staat und Notenbank Schlüsselrollen bei der Steuerung der Nachfrage zuweisen.

Dräger fordert "volkswirtschaftlich nützliche Investitionen" wie den Bau von Autobahnen. 78 Jahre später haben die Überlegungen des Briten John Maynard Keynes und seines Lübecker Anhängers im Krisenjahr 2009 als Idee des "deficit spending" erneut Hochkonjunktur. Die Thematik bewegt Dräger so sehr, dass er ihr immer wieder Bücher widmet. Diese tragen Titel wie "Arbeitsbeschaffung durch produktive Kreditschöpfung", "Das große Ziel: soziale Gerechtigkeit durch gesteuerte Marktwirtschaft" und "Zu wenig Arbeit für zu viele Menschen. Lösungsmöglichkeiten zum Beschäftigungsproblem".

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