Duft-Galerist
Immer der Nase nach

Viele Jahre lang entwickelte Thorsten Biehl Düfte für den Massenmarkt. Nach seinem Rauswurf machte er sich mit edlen Düften selbstständig und verkauft Parfüm heute unter eigenem Namen. Für die Herstellung seiner Parfümserie sucht er die besten Parfümeure der Szene.

HAMBURG. Auf die Dosierung kommt es an. Thorsten Biehl sprüht etwas Parfüm auf den Pappstreifen und hält ihn unter die Nase. Dicht heran, ohne dass Duftwasser und Haut miteinander in Berührung kommen. Er schließt die Augen, atmet leicht ein, noch einmal und zieht die Probe dann zügig weg. "Dies könnte ich mir ganz gut für Sie vorstellen." Biehl steht in einer Parfüm-Boutique. Eine junge Frau hat ihren Mann in diesen winzigen Laden in Hamburgs Innenstadt geschleppt, damit er sich ein Parfüm aussucht. Auf die Frage, ob es für tagsüber oder abends sein soll, zuckt er die Schultern. Nun schnüffelt er etwas überfordert an den Teststreifen. "Versuchen Sie noch mal dieses hier", schlägt Biehl vor und zeigt ihm einen anderen Duft. "Etwas klassisch Männliches."

Für Biehl ist diese Situation ebenfalls ungewohnt. Eigentlich war der Parfüm-Unternehmer nur kurz in den Laden des Einzelhändlers gesprungen, um eine Packung Pappstreifen vorbeizubringen. Nun stehen gleich potenzielle Kunden vor ihm und wünschen Beratung.

Genau das ist es, was der 41-jährige Kaufmann im Sinn hatte, als er sich vor vier Jahren selbstständig machte: Ausgewählte und ausgefallene Düfte anbieten, die in keiner Douglas - oder Karstadt-Parfümerie zu finden sind, sondern in kleinen, feinen Duft-Boutiquen, die anspruchsvolle Kunden beraten. "Ich verstehe meine Parfüms als olfaktorische Kunstwerke", sagt er. Nicht gerade bescheiden - doch wie er die Worte nach Hamburger Art so platt und gedehnt ausspricht, kann der Satz gar nicht arrogant klingen. Zudem schmückt sich der schlanke, große Mann mit dem blonden Haar mit fremden Federn: Nicht er, der zwar fast 17 Jahre Berufserfahrung in der Duftbranche hat, entwickelt die Parfüms, sondern echte "Nasen" - Parfümeure also. Die Idee: Sie sollen extravagante Wässerchen hervorbringen, experimentierfreudig und mutig sein, das vorschlagen, was die großen Hersteller wie Coty, Estée Lauder oder L'Oréal niemals auf den Markt bringen würden. "Normalerweise müssen Parfümeure bei der Kreation viele Marktzwänge berücksichtigen. Ich will aber Originalität", sagt der 1,93 Meter-Mann mit tiefer Stimme. Seine Düfte heißen hb01 oder pc02, benannt nach den Initialen der ?Nasen' "Revolutionär minimalistisch" oder "rasanter Mix aus gekonnter Tradition und mutiger Ideenlust" beschreibt er die Stilrichtungen. Die Flakons und Verpackungen sind auffallend schlicht.

Bei den Kreativen hat der Unternehmer mit seiner Idee offene Türen eingerannt. "Jeder Parfümeur träumt von so einer Chance", sagt Egon Oelkers, der seit mehr als 40 Jahren im Geschäft ist. "Normalerweise erhalte ich ein detailliertes Briefing, wie der Duft riechen, welche Zielgruppe angesprochen werden soll und was er kosten darf. Meine Düfte für Thorsten Biehl habe ich nur nach meinen eigenen Vorstellungen komponieren dürfen."

Geza Schön, ehemals bei einem Duftstoffhersteller beschäftigt und seit sieben Jahren in Berlin selbstständig, findet die Idee ebenfalls gut: "Auf diese Weise kommen eigenständige Duftnoten auf den Markt, an die sich die Industrie nicht heran traut", sagt er. Schön hat sich mit seinen ausgefallenen, provokanten Parfüms bereits international einen Namen gemacht. Daher kann er sich als einer der wenigen leisten, gegen die Großen der Branche zu wettern: "Die ausgefallenen Düfte gehören zu einem wachsenden Nischenmarkt, weil die Leute die Nase voll haben von dem Zeug, das gewöhnlich in den Parfümerien steht."

Schöns und auch Biehls Kritik: Zu viel Geld wird für Marktforschung, Verpackung und Werbung ausgegeben, zu wenig für die Arbeit am eigentlichen Produkt. "Die großen Hersteller wollen und können kaum Risiken eingehen, was natürlich auf Kosten der Kreativität passiert", sagt Biehl. Deshalb ist der Branchenkenner vor vier Jahren in die Lücke gesprungen. Nach einem halben Berufsleben beim Duftstoff-Hersteller Haarmann & Reimer, der 2003 mit seinem Wettbewerber Dragoco zur Symrise AG verschmolzen wurde, mit Stationen in Deutschland, Mexiko und New York, hat er den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Zunächst nicht ganz freiwillig. Nach der Fusion strich das neue Unternehmen 950 Arbeitsplätze weltweit. Auch Biehl musste seinen Posten räumen, im Gepäck eine Abfindung, von der er in den vergangenen Jahren zehren konnte, während er geduldig an seiner Geschäftsidee feilte. 13 Düfte von sechs Nasen hat "biehl. Parfümkunstwerke hamburg new york", wie seine Firma offiziell heißt, seit vorigem Sommer auf dem Markt.

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