Frederik und Gerrit Braun
Die Mini-Mehdorns

Frederik und Gerrit Braun sind ein Erfolgsduo. Erst betrieben sie die Disco Voilà, heute herrschen sie über eine Miniatur-Welt - eine, in der die Züge pünktlich fahren. Investoren sind im Wunderland in Hamburg nicht unbedingt willkommen, Sponsoren müssen Spaß verstehen.

HAMBURG. Die Tresorknacker sind unterwegs. Unbemerkt hat die Bande im Zentrum der Schweizer Kleinstadt, im Schatten des mächtigen Castello di Montebello und gar nicht weit vom Bahnhof entfernt, in wochenlanger Arbeit einen Tunnel gegraben. Der Stollen führt zum Tresorkeller der lokalen UBS-Bankfiliale. Nur noch eine Betonwand trennt die Verbrecher von den glitzernden, bis zur Decke aufgetürmten Goldbarren, der Schneidbrenner ist schon angesetzt. Doch die Gegenseite hat Wind gekriegt, im Keller der Bank steht bereits ein rechtzeitig verständigtes Einsatzkommando der Polizei bereit und erwartet die Kriminellen mit Dienstwaffen im Anschlag.

Ein paar Schritte weiter wird gerade ein Pornofilm produziert. Grelles Licht leuchtet einen Sportwagen aus, in dem sich vor einer Batterie an Scheinwerfern ein nacktes Pärchen zu schaffen macht. Gleich nebenan steht ein Kleinbus, in dem andere Nackte schon die nächste Filmeinstellung proben. Das Auf und Ab, das Hin und Her ist so heftig, dass der ganze Wagen ins Schaukeln gerät. Alles absolut originalgetreu nachgebildet bis ins kleinste Detail, sogar die Zigarettenspitzen einiger der kaum daumennagelgroßen Figuren glimmen.

Solche leicht subversiven Szenen lieben die 41-jährigen Zwillingsbrüder Frederik und Gerrit Braun und investieren viel Mühe, Zeit und Geld in ihre Umsetzung im Maßstab 1:87. Gleichzeitig sagen der Banküberfall und der Pornodreh viel über die Besonderheit des Miniatur-Wunderlands in Hamburg und seiner Betreiber aus, die so ganz anders an das Thema Modelleisenbahn herangehen als es irgendwer je zuvor gewagt hat. "UBS zahlt uns 5 000 Euro im Jahr dafür, dass ihre Bank überfallen wird", erzählt Frederik Braun, "eigentlich wollen wir keine Werbung, aber sowas ergibt sich durch charmante Gespräche." Die fädeln immer mehr Firmen ein, insgesamt hat das Miniatur-Wunderland bereits 80 Sponsorenverträge abgeschlossen, den dicksten mit dem Schweizer Baustoffkonzern Holcim, der für den Nachbau eines riesigen Zementwerks 40 000 Euro zahlte. Zur Einweihung mit den Konzernherren vor gut einem Jahr trug Gerrit Braun dann sogar eine Krawatte, was er sonst nie tut.

Die Wunderland-Betreiber stellen bei Werbeansinnen meist Bedingungen: "Ohne den Überfall und damit einen Schuss Ironie hätten wir das mit der UBS nicht gemacht", beteuert Braun. Und auch die nackten Tatsachen bedeuten Neuland. "Wir haben in der Branche Veränderungen geschaffen. Sex gab es früher nicht auf der Modelleisenbahn, und heute bieten Hersteller tatsächlich entsprechend bewegliche Figürchen an", feixt Gerrit Braun. Da scheint das Lob von Volker Schmid, dem Geschäftsführer des Deutschen Verbands der Spielwaren-Industrie (DVSI), in seiner Zweideutigkeit durchaus passend: "Die Brüder Braun haben Charme reingebracht und aus der reinen Modellbahn eine Pop-Bahn gemacht." Und beinahe nebenbei gaben sie im Februar dem Traditionshersteller Märklin nach der Insolvenz Schützenhilfe und kündigten kurzerhand eine Mega-Bestellung im Wert von 100 000 Euro an, um "ein Zeichen für die Produktqualität made in Germany zu setzen", so Frederik Braun. Jeder vierte der 900 Züge auf den Hamburger Gleisen stammen von Märklin.

Alle lieben die Brauns und ihr zwei Etagen und 1 150 Quadratmeter Modellfläche großes Miniatur-Wunderland. Und Frederik und Gerrit tun alles, damit das auch so bleibt. Bei den Eintrittspreisen zeigen die beiden Betreiber ihre soziale Ader: "Wir verlangen zehn Euro für Erwachsene, Kinder zahlen die Hälfte. Manche Leute sagen uns, das sei doch viel zu billig, aber wir haben schon dabei ein schlechtes Gewissen", gesteht Frederik Braun. Auch die Gastronomie-Preise scheinen aus einer anderen Welt zu stammen. Wo sonst gibt es noch die Cola für 1,70 und ein Schnitzel für 3,50 Euro? "Das Wunderland soll erschwinglich sein für Familien mit Kindern, am Ende kriegen wir sowieso den gleichen Umsatz, denn das Budget der Familien bleibt ähnlich, auch wenn die Preise höher wären", argumentiert Frederik Braun.

Die beiden, das beschreiben sie selbst so, suchen damit vor allem nach Anerkennung. Von niemandem ist das Schulterklopfen dabei auch nur annähernd so wichtig wie die Bestätigung vom jeweils anderen Bruder. Wenn man sich nicht sowieso sieht, wird täglich telefoniert. "Streiten tun wir dauernd, wir sind beides Dickköpfe", verrät Gerrit, "aber beide unheimlich kreativ und ergänzen uns gut." Nach außen bedienen die Brauns alle Ansinnen auf das Zuvorkommendste. Vor dem historischen Lagerhaus-Komplex in der Speicherstadt des Hamburger Hafens wartende Besucher erhalten von eigens abgestellten Mitarbeitern gratis Getränke, lange Schlangen bilden sich hier an 200 Tagen im Jahr, 2008 kamen erstmals genau 1 002 000 zahlende Schaulustige.

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