Fusionswelle in Deutschland
Anwälte buhlen um Mittelstand

Die großen internationalen Anwaltskonzerne drängen in Deutschland immer stärker auf den Markt für gehobene mittelständische Firmen und setzen damit regionale Kanzleien unter Druck.

FRANKFURT/M. „Wir spüren seit einiger Zeit das Interesse der großen Law Firms an unseren Klienten“, sagt Robert Baumert, Fachanwalt für Steuerrecht und Mitgründer der regionalen Mannheimer Kanzlei FEB.

„Vor allem im Bereich Transaktionen und Umstrukturierungen begegnen wir den großen Sozietäten immer häufiger“, sagt Baumert. Er verweist auf Shearman & Sterling LLP. Die US-Sozietät hat die Mannheimer Kanzlei Schilling, Zutt & Anschütz übernommen und ist damit als eine der wenigen Großkanzleien mit einem regionalen Büro in Mannheim vertreten. „Damit zielt Shearman klar auf die mittelständische Klientel“, glaubt Baumert.

Jochem Reichert, Partner von Shearman & Sterling in Mannheim, widerspricht dieser Darstellung. Zwar spiele der Mittelstand für das Mannheimer Büro eine große Rolle. „Der gehobene Mittelstand ist aber von jeher Kerngeschäft von Shearman & Sterling“, sagt er.

Allerdings steht Baumert mit seiner Beobachtung nicht alleine. „Der Druck der Sozietäten ist groß, weil die großen Deals weggebrochen sind“, bestätigt Brun-Hagen Hennerkes von der Stuttgarter Kanzlei Hennerkes, Kirchdörfer & Lorz den Trend. Die teuer eingekauften Experten hätten nichts zu tun. „Jetzt versuchen sie es im gehobenen Mittelstand“, sagt Hennerkes.

„Vor einigen Jahren sind die Kanzleien aus dem Mittelstand herausgegangen und haben sich auf den Top-End-Bereich, also die Konzerne konzentriert. Nun gibt es einen Swing in die andere Richtung“, beschreibt Christoph H. Vaagt von Hildebrandt International, einer weltweiten Unternehmensberatung für Anwaltskanzleien, die Situation der Branche.

Zum einen sei die Fusionswelle unter den deutschen Kanzleien weitgehend abgeschlossen und die Rechtsberater hätten wieder mehr Zeit für die Kunden. „Die internationalen Sozietäten schauen sich wieder verstärkt den Markt an. Und dort sieht es im High-End-Bereich nicht gerade berauschend aus“, sagt Vaagt. Zum anderen haben die meisten internationalen Sozietäten mit ihren Übernahmen eine deutsche Kanzleikultur erworben. „Diese Kultur kommt nun wieder stärker zum Tragen, was im Mittelstand hilft“, sagt Vaagt.

Axel Sigle von CMS Hasche Sigle bestätigt diese Einschätzung. „Wir sind aus der Fusion zweier Sozietäten mit Büros in den Wirtschaftszentren hervorgegangen. Die einzelnen Büros waren schon immer stark in mittelständischen Firmen verankert“, sagt er.

Überdies profitieren die großen „Law Firms“ von den wachsenden Ansprüchen der mittelständischen Mandanten. Sie verlangen angesichts der Globalisierung nach einer weltumspannenden Rechtsberatung. „Viele mittelständische Firmen schauen sich genau an, wer auf der rechtlichen Seite das beste Angebot hat“, sagt Vaagt. Das führe dazu, dass gerade bei einzelnen Projekten immer häufiger eine große Sozietät ausprobiert werde.

Dennoch glaubt FEB-Mitgründer Baumert seine Kanzlei gut gerüstet. „Gerade im Mittelstand gibt es ein meist wenig strukturiertes Geflecht von Gesellschaften. Um dieses durchschauen zu können, ist eine kontinuierliche Beratung von Unternehmer zu Unternehmer gefragt“, sagt Baumert. Davon ist auch Hennerkes überzeugt. „Boutiquen wie wir sehen der Entwicklung mit großer Gelassenheit entgegen. Der Mittelständler braucht eine Rundumberatung aus einer Hand. Das können die Großen mit ihren spezialisierten Experten gar nicht leisten“, sagt er.

Doch Anwaltsexperte Vaagt mahnt zur Vorsicht. Natürlich gebe es immer wieder Enttäuschungen, wenn ein Mittelständler die Honorarsätze sehe und merke, welchen riesigen Apparat große Sozietäten anwerfen. „Doch die Großen haben dazugelernt. Sie gehen nun sehr differenziert an den Markt“, warnt er vor allzu großer Gelassenheit.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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