Gesundheitsmarkt
Der Patient Russland braucht Hilfe

Moskau pumpt Milliarden in sein desolates Gesundheitssystem. Medizintechnik "made in Germany" ist dabei besonders gefragt. Das gilt auch für Kiew, Sofia und Bukarest. Für deutsche Anbieter öffnen sich im Osten Europas interessante Märkte.

KÖLN/MOSKAU. Wer in der Russischen Föderation 2005 als Junge das Licht der Welt erblickte, wird statistisch gesehen nur 59 Jahre alt - Minusrekord in Europa. Wirtschaftsaufschwung hin oder her: Die Lebenserwartung in Russland ist niedrig, die meisten Krankenhäuser sind miserabel ausgestattet, die besten Ärzte verlassen das Land. Vergessen geglaubte Krankheiten sind weitverbreitet: 2006 wurden je 88 000 Erkrankungen mit Syphilis und Tripper sowie 102 000 Tuberkulosekranke registriert. Die alarmierenden Zahlen weisen auf ein niedriges Wohlstands- und Hygieneniveau in weiten Teilen des Landes hin.

Jede zweite Arztstelle in den Krankenhäusern ist unbesetzt, die Medizintechnik in den Kliniken zu zwei Dritteln verschlissen. Weil Diagnostikapparate fehlen, warten Patienten wochen- oder gar monatelang auf dringende Untersuchungen. Im Straßenverkehr kommen jährlich 40 000 Menschen ums Leben, unter anderem, weil die alten Krankenwagen im Stau stecken, defekt sind oder zu wenig Technik an Bord haben.

Die nötige Medizin kommt, wie in letzter Zeit so oft, aus der Gießkanne des russischen Finanzministers. Das Gesundheitswesen ist eines von vier nationalen Vorrangprojekten, in die Moskau öffentliche Mittel in Milliardenhöhe pumpt, um Russland fit für die Zukunft zu machen. Allein 2007 flossen umgerechnet rund 3,7 Milliarden Euro in das Projekt "Gesundheit". Für die nächsten zwei Jahre sind Investitionen in ähnlicher Größenordnung vorgesehen. Landesweit entstehen nun 15 Hightechkrankenhäuser, in denen neueste Medizintechnik zum Einsatz kommen wird. Schwerpunkte sind Herz- und Gefäßchirurgie, Unfallchirurgie, Orthopädie, Implantationen und Neurochirurgie.

Von diesem Milliardenregen profitieren auch deutsche Medizintechnikhersteller. Sie konnten ihre Umsätze in Russland in den vergangenen Monaten deutlich vergrößern. "Inzwischen stellt manches Krankenhaus in Moskau deutsche Unikliniken in puncto Ausstattung in den Schatten", berichtet ein Manager eines renommierten deutschen Medizintechnikherstellers.

An Ausschreibungen können sich in Russland registrierte Firmen beteiligen, die mindestens drei Jahre Markterfahrung vorweisen. Um an die Aufträge zu kommen, ist aber ein weitverzweigtes Netzwerk nötig. Zwar sind die Tender öffentlich und auch für ausländische Hersteller zugänglich. "Trotzdem läuft hier sehr viel über Vertrauen und Kundenbindung", sagt ein deutscher Medizintechnikhändler. "Der russische Markt ist äußerst pflegeintensiv. Wir müssen ständig auf Messen präsent sein und unsere Kontakte auffrischen." Wer den Zuschlag erhält, entscheiden Beamte in den Behörden, die das Geld geben.

Um sich für künftige Aufträge zu positionieren, lässt zum Beispiel das Freiburger Unternehmen Van Mourik Medical russische Ärzte auf eigene Kosten im Ausland schulen. So lernen die Chirurgen in Deutschland und in Großbritannien Operationstechniken für Implantate, die Van Mourik liefert. "Das ist natürlich immer ein Risiko, weil die Anschaffungen der Krankenhäuser trotzdem ausgeschrieben werden. Dennoch bringen wir uns so für die Auftragsvergabe ins Gespräch", erläutert Russlandkennerin Karin van Mourik. Joint Ventures mit westlichen Firmen sind beliebt: So baut das nordrhein-westfälische Unternehmen Meyra-Ortopedia demnächst Rollstühle in Kasan. Partner ist das örtliche Mediko-instrumentalny sawod. Siemens will zusammen mit dem optomechanischen Werk UOMS in Jekaterinburg Computertomografen produzieren.

Auch die Ukraine setzt auf Kooperationsprojekte mit deutschen Firmen. Impulse gehen von der "Gemeinsamen Erklärung über die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen" aus, die im vergangenen Herbst von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihrem ukrainischen Amtskollegen Juri Haidajew in Kiew unterzeichnet wurde.

Im Rahmen der von der EU initiierten Europäischen Nachbarschaftspolitik soll die Zusammenarbeit in zentralen Bereichen des Gesundheitswesens ausgebaut werden. Auf der Agenda stehen die Bekämpfung von Tuberkulose, HIV/Aids, Grippe und Pandemien sowie von Drogen- und Alkoholsucht. Weitere Schwerpunkte bilden Unfallmedizin, Onkologie, Kardiologie, Neurochirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe und Mutter-Kind-Behandlung sowie hausärztliche Versorgung.

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