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Warum deutsche Firmen vom russischen Mittelstand profitieren

Russland will den Mittelstand stärker fördern und dessen Anteil an der Wirtschaftsleistung heben. Inkubatoren, billige Darlehen, Mikrokredite, Wagniskapital - die russische Regierung bietet derzeit einiges auf, um kleinen und mittleren Firmen zu helfen. Ein starker russischer Mittelstand käme auch deutschen Unternehmen zugute.

MOSKAU. Anders als in Deutschland hat der Mittelstand in Russland ein geringes Gewicht und zählt nicht zu den wichtigsten Trägern von Wachstum und Innovationen. Ob Gazprom oder Lukoil, Rusal oder Sual, Evraz Holding oder Severstal - Russlands Wirtschaft wird heute von Großkonzernen dominiert. Und der Trend geht eher weiter in die gleiche Richtung. In vielen Branchen schreitet die Konsolidierung voran, in wichtigen strategischen Sektoren, wie dem Flugzeugbau und Teilen des Maschinenbaus, setzt der Staat auf die Schaffung großer Industriekonglomerate.

Kleine und mittlere Unternehmen tragen 16% zur russischen Wirtschaftsleistung bei. "Das ist unakzeptabel gering", bedauert Wirtschaftsminister German Gref. Sein Ziel ist, den Anteil bis 2008 auf 20% und später sogar auf 50% zu steigern. Wie das erreicht und ob Deutschlands Erfahrung dabei genutzt werden kann, war Thema der "2. Deutsch-Russischen Mittelstandskonferenz" am 12.12.06 in Moskau. Organisatoren der mit gut 500 Teilnehmern gut besuchten Veranstaltung waren der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft, Delegation und Verband der Deutschen Wirtschaft in Russland und der russische Unternehmerverband Delowaja Rossija.

Die makroökonomische Stabilität sei erreicht, nun müsse die nächste Stufe folgen, die Entwicklung und die Diversifizierung der russischen Wirtschaft, so Gref. Dazu diene ein ganzes Maßnahmenpaket der Regierung, das auch dem russischen Mittelstand zugute kommen soll. Sonderwirtschaftszonen, vor allem Technologie- und Tourismuszonen, könnten einen fruchtbaren Boden für kleine und mittelständische Firmen bilden. Im Gebiet Krasnodar beispielsweise, wo eine der vorgesehenen Touristik-Sonderzonen entsteht, werden derzeit an die 160 Hotels gebaut. Es seien dabei überwiegend kleine Unternehmen, die diese errichten und betreiben, führte Gref aus.

Auch das neue Konzessionsgesetz helfe dem Mittelstand. In Sektoren, in denen eine Privatisierung nicht möglich ist, wie beispielsweise im kommunalen Versorgungssektor, eröffne das Gesetz gute Chancen für mittelständische Unternehmen. Durch langfristige Pacht- und Betriebsverträge würden diese Möglichkeiten erhalten, ins Geschäft zu kommen. Weitere Instrumente für die Mittelstandsförderung seien die neuen Fonds für Wagnisfinanzierung. Sie werden vom Staat mit 15 Mrd. Rbl Startkapital ausgestattet.

Hinzu kommen Venture-Fonds der Regionen zur Finanzierung von Startups. Sechs gibt es nach Angaben des stellvertretenden Wirtschaftsministers Andrej Scharonow bereits, darunter die größten in Moskau und Kasan. Vierzehn weitere seien in Vorbereitung. In vielen Regionen werden derzeit Inkubatoren aus dem Boden gestampft, die Firmengründern auf die Beine helfen sollen. Ende 2007 soll es landesweit 80 solche Einrichtungen geben. Aus dem Budget wird mehr Geld für die Mittelstandsförderung bereit gestellt. Standen 2005 rund 1,5 Mrd. Rbl und 2006 rund 3 Mrd. Rbl zur Verfügung, so seien für 2007 bereits 5 Mrd. Rbl vorgesehen, sagte Scharonow.

Wie wichtig gute Finanzierungsmöglichkeiten für den russischen Mittelstand, aber auch für Investitionsvorhaben ausländischer Mittelständler in Russland sind, darauf wies Hartmut Schauerte, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, hin. Es sollte geprüft werden, so Schauerte, ob das Konzept einer mittelstandspezifischen Förderbank nach dem Muster der erfolgreichen deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nicht auch für Russland Anwendung finden könnte.

Was den russischen Mittelstand am stärksten unter den Nägeln brennt, sind aber nach wie vor die schlechten administrativen Rahmenbedingungen. Kleinere Fortschritte, wie etwa die verkürzten Registrierungsfristen oder die Lockerung im Bereich Lizenzpflicht, werden daran nur wenig ändern können. Sorgen bereiten die immer größere Ausmaße annehmende Korruption und die Verflechtung mit den Machtorganen. "Das ist eine große Bedrohung", sagt Jelena Nikolajewa, Gesellschafterin bei OOO Kompanja Kaskad Via, einem Partner des deutschen Fensterprofilherstellers Rehau. Nötigung, etwa durch die Feuerwehr oder durch die regionalen Beamten, sei an der Tagesordnung.

Hinzu kommen Schwierigkeiten, eine ausreichende Strom- und Gasversorgung sicher zu stellen. Probleme gibt es auch beim Zoll. Kleine und mittlere Unternehmen seien für die Zolladministration "persona non grata", klagt Konstantin Antipow, Chef von AM Consulting und beim Unternehmerverband RSPP für Fragen des WTO-Beitritts zuständig. Der größte Teil der Zolleinnahmen wird eben durch einige Hundert Großunternehmen generiert. Kleine Unternehmen würden angesichts dessen von den Zollämtern nur als Belastung empfunden.

All das behindert die Entwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen ebenso stark wie Probleme mit der Finanzierung. Dabei wäre ein starker russischer Mittelstand auch für die deutsche Wirtschaft von großem Nutzen. Die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern kann den Markteinstieg deutscher Mittelständler in Russland erleichtern und Gefahren minimieren, so Stefan Girschik, Chef der russischen Tochtergesellschaft von Rehau. Ungeachtet der guten Chancen gibt es auch Risiken, die beachtet werden müssen. So etwa der Fachkräftemangel, der vor allem in den Ballungsräumen immer spürbarer wird, die schwache logistische Infrastruktur, Schwierigkeiten, geeignete Zulieferer zu finden, und schließlich die Bürokratie.

Auch der Wettbewerb auf dem Markt habe sich deutlich verschärft. All das ist für Rehau kein Grund, seine Expansion in Russland zu verlangsamen. Vor zwei Jahren hat das Unternehmen in Gshel bei Moskau ein eigenes Werk für Fensterprofile in Betrieb genommen. "Bisher haben wir rund 40 Mio. Euro investiert", so der Rehau-Manager. In den nächsten Jahren werden es ähnlich so viel werden. Dabei wird es nicht nur um Fensterprofile, sondern auch um andere Fertigungsbereiche gehen.

Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).

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