Indus-Gründer
Wahnsinn ist keine Ausrede

Wirtschaft absurd: Der Unternehmer Winfried Kill verspekulierte sich mit Aktien. Doch als seine Geschäftspartner die Rechung stellten, schickte Kill kein Geld, sondern ein ärztliches Gutachten.
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DüsseldorfWäre er damit durchgekommen, hätte Winfried Kill vermutlich einen üblen Trend gesetzt. Eine Welle von Nachahmern gefunden und Finanzgeschäfte in Deutschland künftig ungleich schwieriger gemacht. Doch Kill, der Gründer der Mittelstandsholding Indus AG, wurde nach mehrjährigem juristischem Schlagabtausch nun vom Landgericht München zurückgewiesen. Das kuriose Urteil: Wahnsinn ist keine Ausrede.

Kill, ein gestandener Unternehmer, verstrickte sich zwischen 2007 und 2008 in Aktiengeschäfte, die dramatisch schief gingen. Erst verlor er 2007 rund 75 Millionen Euro mit Aktien des Telekommunikationsanbieter Drillisch AG, dann setzte er 21 Millionen Euro beim Münchener Altersheimbetreiber Curanum ein und kaufte für 25 Millionen Euro Aktien von RemoteMDx. Die Firma aus dem US-Bundesstaat Utah stellt elektronische Fußfesseln für Häftlinge her.

Bei Curanum, dem Fall, der jetzt vor Gericht entschieden wurde, übernahm Kill eine so genannte Put-Option. Er garantierte dem britischen Finanzinvestor Pentagon die Abnahme von 2,5 Millionen Aktien zu einem vertraglich festgelegten Zeitpunkt zum Preis von 8,50 Euro. Das Problem: im März 2009, als Pentagon seine Option ziehen konnte, stand der Kurs von Curanum nicht mehr bei 8,50 Euro, sondern bei 2,55 Euro. Kill hätte also für 21 Millionen Euro Aktien kaufen müssen, die nur noch 6,3 Millionen Euro wert waren. Kill weigerte sich, den Vertrag zu erfüllen. Seine Begründung: Er war bei Geschäftsabschluss nicht zurechnungsfähig.

Kills Anwälte legten ein ärztliches Gutachten vor, das Kill als schwer depressiv beschrieb. Das Krankheitsbild aber war eigenartig. Beim Pentagon-Deal im Mai 2008 soll Kill nicht geschäftsfähig gewesen sein, im Juli, als er als Aufsichtsratsvorsitzender der Indus AG deren Hauptversammlung leitete, aber doch. Im August, bei einem anderen misslungenen Finanzgeschäft, dann wieder nicht. Kurios: Kills ärztliches Gutachten entstand per Ferndiagnose: der unterzeichnende Arzt Hans Lauter, ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Klinik der TU München, hatte Kill nie behandelt, sondern nur ein Mal kurz gesehen. Da war Lauter 80 Jahre alt.

Die Richter vom Landgericht München ließen sich weder durch Kills Arzt noch durch seine Anwälte überzeugen. Zwar könne man verstehen, dass Kill versuchte, sich aus dem misslungenen Aktiengeschäft noch herauszuwinden. Insofern sei das „Verhalten des Beklagten nachvollziehbar und normalpsychologisch erklärbar“, heißt es in dem Urteil. Anzeichen für eine Geschäftsunfähigkeit lägen aber nicht vor. Kill muss zahlen, und zwar die vollen 21 Millionen Euro, plus Zinsen. Sein Anwalt, Norbert Michel von der Münchener Kanzlei Michel & Probst, wollte auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

Für Pentagon, den britischen Geschäftspartner von Kill, endet mit dem Urteil eine oft als irrwitzig empfundene Reise durch den deutschen Rechtsstaat. Pentagons Anwalt. Robert Abt von der Kanzlei Röver Brönner Susat sagt: „Ich muss zugeben, dass es mir in den letzten drei Jahren häufig schwer gefallen ist, meiner Mandantin die lange Prozessdauer zu erläutern. Aber nun hat der Spuk ja ein Ende. Wir sind froh, dass das Vertrauen in die Rechtssicherheit durch das Urteil gestärkt wurde.“

Die Freude gilt, obwohl ein anderes Urteil gleich neue Mandanten nach sich gezogen hätte. „Es haben sich einige Anleger bei uns erkundigt, ob man denn wirklich seine Aktiengeschäfte rückgängig machen kann, indem man sagt, man sei bei Vertragsabschluss verrückt gewesen“, erzählt Abt. „Der Gedanke war wohl für viele interessant. Aber er ist einfach zu schön, um wahr zu sein.“

Abt ist nun gespannt, ob das Urteil das Landgerichts München auch die Staatsanwaltschaft Köln bewegt. Dort hatte Pentagon 2009 Strafanzeige erstattet, weil während des Prozesses plötzlich die Villa Kills und andere Vermögensanteile an dessen Sohn verschoben wurden. Pentagon fürchtete, dass sich Kill damit für den Fall einer Niederlage im Zivilprozess künstlich arm rechnen wollte. Die Staatsanwaltschaft Köln kam in den vergangenen zwei Jahren jedoch zu keinem Ergebnis.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

Kommentare zu " Indus-Gründer: Wahnsinn ist keine Ausrede"

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  • Im Unterschied zu Kill wird man den Politikern bei eingehender Überprüfung eher eine fehlende Zurechnungsfähigkeit zubilligen.

  • Wahnsinn!

  • Wäre das nicht auch eine Verfahrensweise für wahnsinnige Politiker wie die heutigen Wahnsinnigen, die der wahnsinnigen Kanzlerin auf eine wahnsinnge Weise deren Wahnsinnspolitik in einer wahnsinnigen Abstimmung einen wahnsinigen Wahnsinnserfog beschert hben?

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