Interview mit C. M. Welcker
„Deutschland ist weltweit Technologieführer“

Carl Martin Welcker, Vorsitzender des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) sieht trotz Fernost-Konkurrenz keine Gefahren für die hiesige Industrie. Das Handelsblatt sprach mit ihm über Entwicklungstrends und Wachstumschancen in der Werkzeugmaschinenbranche.

Handelsblatt: Herr Welcker, wie hat sich der Markt für Werkzeugmaschinen zuletzt entwickelt?

Welcker: Der Wettbewerb ist viel internationaler und härter geworden. Es gab zwar schon immer Unternehmen aus Italien, Japan und der Schweiz, die ihre Produkte global angeboten haben. Heute haben wir aber außerdem mit scharfer Konkurrenz aus Taiwan, Südkorea und China zu tun, die extrem günstig produziert.

Können Unternehmen dieser Staaten denn mit uns mithalten?

Technologisch sind sie noch lange nicht so weit wie wir. Der Vorsprung Europas beträgt sicher noch immer zehn Jahre oder mehr. In den Schwellenländern fehlt schließlich nicht nur Infrastruktur, sondern auch qualifiziertes Personal, Forschungs- und Entwicklungs-Know-how. Das haben wir uns in langer Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen erarbeitet. Deutschland hat so weltweit eindeutig die Technologieführerschaft. Und Vor allem in der Prozessoptimierung hat sich die hiesige Industrie in den vergangenen Jahren auf die Hinterbeine gestellt und große Fortschritte gemacht. Zwar ist Japan als Exporteur durch Wechselkursvorteile an uns vorbeigezogen. Die Japaner verdienen ihr Geld jedoch hauptsächlich mit Standardmaschinen.

Jahrelang galten die Italiener innerhalb Europas als schärfste Konkurrenz. Wie haben deutsche Hersteller die Nachbarn abgehängt?

Die italienische Werkzeugmaschinenindustrie ist sehr kleingliedrig. Es gibt viele Unternehmen mit weniger als 20 Mill. Euro Jahresumsatz. 40 bis 50 Mill. Euro Umsatz sollte man jedoch erwirtschaften, sonst tut man sich bei der Erschließung der internationalen Märkte doch schwer. Es sei denn, man bietet ein absolutes Nischenprodukt an.

Zudem haben deutsche Maschinenbauer den Vorteil, weltweit für exzellente Qualität zu stehen. Kunden aus Übersee kaufen daher im Zweifel eher bei uns eine Maschine. Nicht zuletzt verhindert der Euro die Abwertung der italienischen Währung. In der Vergangenheit wurde das immer wieder zur Wettbewerbsstärkung italienischer Hersteller genutzt.

Wie kommt es, dass die hiesige Werkzeugmaschinenindustrie so mittelständisch geprägt ist?

Das ist nicht nur hierzulande so. Die Produktion von Werkzeugmaschinen ist weltweit in den Händen mittelständischer Unternehmen. Denn bei der Herstellung so komplexer Produkte sind kurze Wege und Konzentration auf bestimmte Kernkompetenzen wichtig. Die meisten Aufträge erfordern individuelle Lösungen – und darauf sind kleinere Unternehmen viel besser vorbereitet. Die Versuche von Großkonzernen, sich in der Branche zu etablieren, sind fast alle gescheitert. Auch die größeren Unternehmen am Markt sind allesamt als Familienbetriebe gestartet und haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt oder zusammen geschlossen.

Wird sich das enorme Wachstum der Branche in den kommenden Jahren denn fortsetzen?

Wir rechnen zunächst auch für 2007 mit weiterem Wachstum. Allerdings sind sich alle Hersteller bewusst, dass sie sich in einer zyklischen Branche bewegen, die stark abhängt von der weltwirtschaftlichen Dynamik. Wenn die Weltkonjunktur schwächelt, schlägt das voll auf die Werkzeugmaschinenbauer durch. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen in die Automobilindustrie liefern und so oft die Schwankungen einer einzigen Branche mittragen müssen.

Welche Entwicklungstrends beschäftigen die Branche?

Anfang der neunziger Jahren hatte man noch kühne Visionen von hochkomplexen Maschinen, die sich allerdings oft nicht realisieren ließen. oder zu störanfällig waren. So gab es hochkomplizierte Transferstraßen, auf denen sich jede Art von Kraftfahrzeug produzieren lassen sollte. Mittlerweile hat man erkannt, dass es wirtschaftlicher ist, für jede Modellpalette eine eigene Straße einzurichten. Der Trend geht also klar zu weniger komplexen Maschinen, die allerdings komplexe Produkte bauen können. Enorme Fortschritte werden wir aber bei der Verkettung von Maschinen sehen. Allerdings entsteht häufig eine Schwachstelle im System durch den Menschen, der es bedient. Somit ist eine exakte Schulung notwendig . Die Qualifizierung der Mitarbeiter ist bei uns und unseren Kunden daher ein weiteres wichtiges Zukunftsthema.

Hat Deutschland als Produktionsstandort für Werkzeugmaschinen Zukunft?

Eine exzellente Zukunft. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Industriegütern sind Werkzeugmaschinen so komplex, dass ihre Herstellung sich nicht so leicht verlagern lässt. Für die Produktion ist enormes Know-How notwendig, das man in weiten Teilen Asiens vergeblich suchen wird. Zwar wird der Bau einfacher Maschinen aus Kostengründen verlagert, High-Tech-Produkte lassen sich jedoch nur bei uns realisieren. Deshalb mache ich mir über die Zukunft der hiesigen Produktion überhaupt keine Sorgen.

Welche Rolle spielen virtuelle Methoden heute in der Entwicklung?

Diese Technologie steckt zurzeit noch in den Kinderschuhen. Es ist allerdings ein enormer Vorteil, wenn man realitätsnah Abläufe simulieren kann. Erfolgreiche Simulationen von Konstruktionen und Prozessen bieten eine exzellente Grundlage für die Entwicklung von Folgeprodukten oder die Erweiterung von Produktionsanlagen. Dann kommt auch der Kostenvorteil ins Spiel, der sich durch die virtuelle Entwicklung bietet. Zurzeit jedoch kosten solche Simulationen sogar mehr als reale Entwicklungsmethoden, weil eine wahnsinnig hohe Datenmenge erst einmal in die Computermodelle integriert werden muss.

Achten Kunden beim Kauf von komplexen Maschinen eigentlich auch auf das Aussehen? Oder spielt Design bei Werkzeugmaschinen überhaupt keine Rolle?

In erster Linie geht es bei den Maschinen um Produktivität und Wirtschaftlichkeit. Wir beobachten jedoch, dass dem Maschinendesign wachsende Bedeutung zukommt. Was im Inneren des Aggregats abläuft, versteht heutzutage ohnehin kaum mehr jemand. Und bei gleichen Fähigkeiten kauft der Kunde die Maschine, die ihn am meisten anspricht.

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