Jan Nils Borgstädt
Gründer ohne Risiko

Jan Nils Borgstädt gründete eine erfolgreiche Firma und verkaufte sie mit Gewinn. Dann ließ er sich bei Bertelsmann anstellen – und gründete dort gleich wieder ein Unternehmen.

An die Familienurlaube in Spanien erinnert sich Jan Nils Borgstädt noch gern. Wenn da bloß nicht immer die Geschäftstermine des Vaters gewesen wären. Dem einstigen Kaufhof-Manager gehörten acht Restaurants. So manches Mal saß Jan mit Mutter und Schwester ungeduldig im Auto auf dem Weg zum Strand, während Papa an der Hotelrezeption noch telefonieren musste. "Als Sohn eines Unternehmers kenne ich beide Seiten des Unternehmertums, auch die Downsides", sagt der 33-Jährige. "Trotzdem ist es für mich der richtige Lebensentwurf." Unternehmertum als Lebensentwurf? Als Borgstädt das sagt, sitzt er in der Konzernzentrale von Bertelsmann, Raum V2/107. Das ist sein Büro. Er ist Angestellter bei dem Medienkonzern - mit festem Arbeitsvertrag, Visitenkarte, Sozialversicherungsnummer. Borgstädt sieht das nicht als Gegensatz. Der einstige Firmengründer fühlt sich auch hier als Unternehmer. Und das ist gut so, findet sein Arbeitgeber. Genau genommen, war das vor zwei Jahren der Grund, den Diplom-Kaufmann überhaupt einzustellen. Ihn, der nach seinem Diplom an der Uni Münster mit zwei Geschäftspartnern Sekretaria.media gründete, die Firma, die mit Sekretaria.de die führende deutsche Community für Büroassistenz wurde. Sein damaliger Partner Kai Thürbach beschreibt ihn als "kreativen Macher, der gute Ideen hat, einfach loslegt, mutig ist und sich immer reinhängt". Genau dieser "unternehmerische Spirit" hat es auch Bertelsmann-Personalchef Immanuel Hermreck angetan. Jan sei "ein echter Unternehmer im Unternehmen", lobt er.

Typen wie Borgstädt sind in den Führungsetagen der Konzerne heiß umworben. Borgstädts Arbeitgeber hat für solche Leute extra das Bertelsmann Entrepreneurs Pro-gram (BEP) entwickelt. Maximal zehn Top-Talente pro Jahr erhalten die Chance, innerhalb von zwölf bis 18 Mo-naten eine verantwortungsvolle Position innerhalb des Konzerns zu übernehmen.

Borgstädt war eines dieser Talente. Als er mit 31 Jahren im BEP startete, konnte er sowohl Erfahrungen als Grün-der als auch als Angestellter vorweisen. Die drei Jahre bei Sekretaria (2000 bis 2003) verliefen "typisch Start-up", er-zählt der Kölner in Gütersloh. Er streicht sich eine gegelte Haarsträhne hinters Ohr. "Viel improvisiert" wurde damals eben, "bis nachts gearbeitet, Pizza bestellt und wilde After-Work-Partys gefeiert".

Das kann man sich gut vorstellen. Borgstädt erzählt an-schaulich, man hört ihm gern zu. Mit angenehm dunkler Stimme perlen die Erinnerungen aus ihm heraus, in klars-tem Hochdeutsch. Die Herkunft aus dem Rheinland ist nicht herauszuhören. Zwei Meter ist er groß, eine impo-sante Erscheinung im coolen Business-Outfit: weißes Hemd, schwarze Anzughose, das Jackett hängt an der Garderobe seines Büros. Um ihn herum die typische 08/15-Büroeinrichtung auf kleinstem Raum: Schreibtisch, Regalschränkchen, in der Ecke an der Tür ein Mini-Besprechungstisch. Für das Zimmer scheint Borgstädt eine Nummer zu groß zu sein. Auf seinem Stuhl dreht er sich hin und her, als er erzählt - von den alten Start-up-Zeiten am Kölner Alter Markt. Die Firmenrechner stammten noch aus den Studientagen der Firmengründer. Die Internetleitungen hingen anfangs am Netzwerk des benachbarten Start-ups. Trotz all der Widrigkeiten: Die drei Gründer machten aus Sekretaria einen Megaerfolg - mit mehr als 60000 Userinnen, mehreren Auszeichnungen und vor allem: mit schwarzen Zahlen. Im Juni 2003 verkaufte das Unternehmertrio Sekretaria an die Haufe Mediengruppe. Borgstädt verpflichtete sich, ein Jahr lang das Start-up ins neue Unternehmensnetzwerk in München zu integrieren - "um einen guten Kaufpreis für die Firma zu erreichen", wie er betont, "nicht um bei Haufe Karriere zu machen". Aus einem Jahr wurden drei, mehr aber nicht.

Schade eigentlich, findet sein damaliger Chef Mirza Hayit, Geschäftsführer des WRS Verlags und Gesamtvertriebsleiter der Mediengruppe: "Jan war wirklich ein Guter. Ich hätte gern noch länger mit ihm zusammengearbeitet." Borgstädt habe "schnell gelernt, sich in einer komplexen Organisation zu bewegen".

Teamfähigkeit und Selbstständigkeit - beide Talente konnte er im Entrepreneurs Program bei Bertelsmann so-fort ausspielen. 2006 wollte die Bertelsmann-Tochter RTL unter dem Namen Clipfish.de eine deutsche Konkurrenz zum erfolgreichen amerikanischen Videoportal Youtube auf die Beine stellen. Borgstädt war mit im Team - und zwar gleich als Co-Leader. Es ging darum, "aus dem Nichts eine wirklich wichtige Sache zu entwickeln", so Borgstädt. Am Anfang machte jeder im Team alles, Borgstädt war "angespannt bis in die Fingerspitzen", Start-up-Atmosphäre in einem 100000-Mitarbeiter-Konzern.

Clipfish wurde zu einem der reichweitenstärksten Video-Portale im Markt, für Borgstädt war es "wie ein eigenes Baby", aber im Gegensatz zu Sekretaria hing nicht sein ganzes Geld plus Schulden daran. Das sei schon ein Unterschied. "Wenn man als Gründer versagt, steht man vor dem Nichts. Im Konzern hat man ein Budget, aber keinen existenziellen Druck."

In den folgenden Monaten lernte der Diplom-Kaufmann noch weitere Vorteile des Angestelltendaseins kennen. Er bekam Einblick ins Management eines Online-Bildungsprojekts sowie des Bonusprogramms Webmiles. Seminare führten ihn unter anderem an die Elite-Business-School Insead in Fontainebleau bei Paris, zu einer Besichtigungstour durchs amerikanische Silicon Valley und zu einem Schauspiel-Workshop an ein Londoner Theater.

Nach nur zwölf Monaten im BEP bekam er im August 2007 die Geschäftsführung von Webmiles in München mit 40 Mitarbeitern angeboten. Er lehnte ab. Seine Liebe zu Köln ging vor. Obwohl er eine Wohnung in Gütersloh hat, verbringt er die Wochenenden weiterhin in seiner Heimatstadt.

Statt Webmiles entschied er sich für eine Stelle ohne Mitarbeiterverantwortung bei Bertelsmann Digital Media Investments (BDMI) in Gütersloh. Beim Venture-Capital-Arm des Konzerns spürt er seitdem Start-ups auf, in die der Konzern dann Millionen investiert. Insgesamt hält BDMI Investments bei 14 Firmen in einer Gesamthöhe von rund 50 Millionen Euro. Borgstädt bewegt sich also weiterhin in der Gründerszene - diesmal allerdings auf der Seite des Kapitalgebers. Sein größter Coup bisher: eine millionenschwere Beteiligung an der Shopping-Community BuyVIP. Die Verträge sind unterschrieben, jetzt müssen nur noch die Wettbewerbshüter der Europäi-schen Kommission zustimmen.

Der Job ist spannend und vielfältig. Borgstädt liest Businesspläne, bewertet Geschäftsmodelle, bespricht sich mit Kollegen der Bertelsmann-Divisionen wie Arvato, RTL und Random House, trifft sich mit Firmengründern, recherchiert, verhandelt, arbeitet Verträge aus. Letztlich soll er herausfinden, ob in der jeweiligen Firma genug Potenzial steckt, um damit Geld zu machen - und neues Know-how in den Konzern zu holen.

Nicht immer ist die Lage eindeutig. Da landet dann manchmal ein Businessplan auf seinem Tisch, der fürs laufende Jahr einen Umsatz von 300000 Euro ausweist, fürs nächste aber 42 Millionen Euro ansetzt. "Natürlich fragt man sich kurz, ob da vielleicht das nächste Google auf dem Tisch liegt, aber eigentlich weiß man: So ein Plan ist reiner Bullshit." Borgstädt lacht. Und da ist er plötzlich wieder: dieser Mix aus jugendlichem Charme und geschäftlicher Abgeklärtheit. Auf den ersten Blick wirkt er älter als 33 Jahre - in seinem Job ist das kein Nachteil, im Gegenteil. Wer ihn aber so lebhaft erzählen hört, der entdeckt hinter dem gestandenen Geschäftsmann mit den blauen Augen und dem Hauch von Sommersprossen auch einen großen Jungen.

Das kann er auch bei Besprechungen gut ausspielen. Im Erdgeschoss der Konzernzentrale sitzt er zwischen holz-getäfelten Wänden in Raum 3 der Konferenzzone 2 und moderiert ein Treffen zwischen zwei Vertretern eines Start-ups und drei Kollegen der Bertelsmann Direct Group. Für ihn geht es um was. Er hat sich extra sein Ja-ckett übergezogen. Im Meeting soll eruiert werden, wie sich eines von Borgstädts Investments in den Konzern einbinden lässt. Er selbst gibt den professionellen Gastgeber, spricht bei der Begrüßung von Geben und Nehmen, lässt ansonsten die anderen Teilnehmer reden, gibt Stichworte. Ab und zu sorgt er mit lockeren Einwürfen für gute Stimmung. Nur wer genau hinschaut, sieht, wie er anfangs nervös mit seinem Kugelschreiber spielt und die Daumen ungeduldig umeinander kreisen lässt. Später, als alles gut läuft, tuschelt er auch schon mal gut gelaunt mit seiner Sitznachbarin. Das Treffen wird ein Erfolg, der Initiator ist zufrieden.

Das gibt Sicherheit. Anfangs fehlte die ihm, dem Neuling im Venture-Capital-Markt, manchmal. "Ins kalte Wasser geworfen" fühlte er sich. Sein Chef sitzt weit weg, in New York. Bei Fragen sei er zwar immer da für seinen Mitarbeiter, "aber grundsätzlich lässt er mich erst mal alleine paddeln".

Genau diese Freiheit ist es allerdings auch, die Borgstädt besonders genießt. Kontrolle von oben empfindet er keine. Wenn er meint, er müsse am nächsten Tag geschäft-lich nach Berlin fahren, dann fährt er. Und am Tag darauf vielleicht nach Paris? Kein Problem. "Das muss ich nicht groß abstimmen."

Ob er hier am richtigen Platz ist - so ganz ohne prestige-trächtige Geschäftsführerfunktion und ohne Mitarbeiter-verantwortung? Das hat er sich auch schon selbst gefragt. "Früher dachte ich, Karriere ist eine Managementfunktion mit Mitarbeitern", sagt Borgstädt bestimmt. "Heute weiß ich, dass Karriere auch ganz anders aussehen kann." Ihm fällt eine Episode aus Kindertagen ein, wieder aus dem Spanienurlaub. Seinem Vater gehörte dort ein Motorboot. Eines Tages überlegte er, sich ein neues, größeres Modell zuzulegen. Doch warum eigentlich, fragte er sich. Mit seinem jetzigen Boot habe er Riesenspaß, und ein größeres bräuchte er eigentlich nur für andere. Sein Resümee: "Es gibt immer jemanden, der ein größeres Boot hat. Die schiere Größe des Bootes würde mich also nie glücklich machen." Mehr als 20 Jahre ist die Begebenheit her, aber der Satz hat sich bei Sohn Jan eingeprägt. "Genauso wie mit dem Boot ist es für mich mit der Karriere", sagt er. Die Geschichte klingt gut zurechtgelegt, fast pathetisch, zumal sein Vater vor zwei Jahren verstorben ist. Aber der Junior erzählt sie mit so einfachen Worten und bewegender Stimme, dass man sie ihm sofort abnimmt. Statt nach klassischem Aufstieg strebe er vielmehr nach einer Aufgabe, die ihn fordert und die ihm Spaß macht - "solange, bis etwas geschafft ist". Dann muss die nächste Herausforderung her.

Der Mann weiß, was er will. Neben dem Job ist ihm sein Freundeskreis im Rheinland sehr wichtig. Er pendelt zwi-schen seiner 60-Quadratmeter-Wohnung in Gütersloh und seinem Loft im lebendigen Kölner Stadtteil Nippes. Seine beiden Zuhause hat der Ästhet ("Ich liebe schöne Dinge um mich rum") mit Möbeln im Seventies-Stil eingerichtet. Jeden Freitagnachmittag fährt er in seiner A-Klasse (O-Ton: "ein langweiliges Auto") nach Köln. Dort lädt er dann schon mal ein paar Leute zum Essen ein. Oder er verplaudert die Tage im angesagten Salon Schmitz. Wenn er sehr viel Zeit hat, geht er auch mal golfen (Handicap 13). Zum Joggen kommt er seltener, als ihm lieb ist, und Hockey hat er das letzte Mal zu Sekretaria-Zeiten gespielt. Montagmorgen geht's dann zurück nach Gütersloh. Ins übliche Provinz-Bashing mag er nicht einstimmen. "Ich glaube, dass man sich auch in New York, Paris, Mailand oder Tokio sehr wohl oder sehr einsam fühlen kann", sagt er bestimmt. "Es kommt immer darauf an, ob man nette Leute kennt." Nach der Arbeit geht er mit befreundeten Kollegen manchmal aus - in die Pizzeria Rucola etwa oder in die Vinothek Rosso.

Um auch in der Woche bei seinen Freunden in Köln auf dem Radar zu bleiben, muss er sich öfter mal telefonisch in Erinnerung bringen. Vor alle ihre Namen hat er im Handy eine "1" gesetzt. So hat er sie auch in der Masse von 3000(!) Kontakten immer im Blick.

Borgstädts berufliche Entwicklung ist noch offen. Sein New Yorker Chef Richard Sarnoff, Co-Chairman der US-Holding, traut ihm viel zu. "The sky is the limit for Jan", sagt er. Der habe ein Händchen für beides: fürs Begutachten und fürs Führen eines Businesses. "In welche Richtung er sich entwickelt", so Sarnoff, "muss er selbst entscheiden."

Man darf gespannt sein. Auf jeden Fall wird es eine Auf-gabe sein, an der er einen Riesenspaß hat - so wie einst der Vater an seinem alten Motorboot.

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