Kühne Mode
Der Held von Bremerhaven

Eigentlich sollte er das Öl-Geschäft seiner Familie fortführen. Doch Kai Kühne bricht das BWL-Studium ab, zieht nach New York und wird Modedesigner. In den USA wird der Bremerhavener bereits gefeiert. Und in Deutschland?

Welcome to my world", Kai Kühne öffnet die Tür zu seinem Atelier. Er grinst wie ein kleiner Junge, der zum Geburtstag endlich die ersehnte Carrera-Bahn bekommen hat: 250 Quadratmeter im siebten Stock. Wer als Designer in Reichweite von Manhattans Siebter Avenue, der "Fashion Avenue" , lebt und arbeitet, hat es geschafft.

Gerade sind die Stoffe für die Winterkollektion eingetroffen. Mit der einen Hand gleitet Kühne prüfend über ein Stück Seide, mit der anderen schnipst er lässig eine Dunhill aus der Schachtel. Der Zigarettenqualm mischt sich in der Luft mit kühlen, weißen Reggae-Klängen. Aus der Küche kommt Kühnes Pitbull-Dame Powder angeflitzt, die ihrem Herrchen auf den Arm springt und ihm über den Fünf-Tage-Bart schleckt.

"Die Zeit der künstlerischen Masturbation ist vorbei", sagt er ernst und mit rauchiger Stimme. Kühne zeigt auf die Kleiderständer in seinem Showroom. "Früher hat eine Sängerin wie Björk meine Kleider getragen, aber sonst niemand. Heute mache ich nur noch tragbare Mode." Kleidung statt Verkleidung - diesen Unterschied hat der 36-Jährige, der lange als das Enfant terrible der Szene galt, inzwischen gelernt. Seine Stücke sind zwar futuristisch geschnitten, aber dennoch von klassischer Eleganz.

Bei der New York Fashion Week, der wichtigsten Modemesse der Welt, war er im vergangenen Jahr der Shootingstar. Kühne hatte drei Catwalks nebeneinander aufgebaut, auf denen je drei Models gleichzeitig stolzierten. Aus dem Off tönten Wagners Nibelungen. Das Tamtam kam an. Kühnes messerscharfe Silhouetten begeisterten die Kritiker. Selbst die altehrwürdige New York Times feierte das "Comeback" Kühnes. "Sexy auf eine sehr strenge Art" befand das Magazin Vanity Fair. "Mir gefällt sein klarer Stil, sein architektonisch feminines Design", sagt Christiane Arp, Chefredakteurin des Modemagazins Vogue. Die Chancen, dass Kühne auch bei der in der kommenden Woche beginnenden New York Fashion Week 2009 wieder Publikum und Fachpresse beeindrucken wird, stehen gut.

Das Modegeschäft hat sich Kühne erkämpft. Eigentlich hatte der Bremerhavener Kaufmann werden wollen, um das vom Großvater gegründete Öl-Geschäft zu übernehmen. Der Einstieg in den sehr gut gehenden Öl-Lager- und Umschlagbetrieb mit 14 Standorten erschien Kühne nach dem Abitur vorbestimmt und sicher. Also schrieb er sich für ein BWL-Studium in Hamburg ein. "Doch ich merkte schnell, dass das nicht meine Welt war." Also brach er ab und studierte Textilwirtschaft. Seine Eltern waren nicht gerade begeistert, aber sie unterstützten ihn. Unkonventionelle Wege waren ihnen nicht fremd, in den 80er-Jahren hatten sie als Musikproduzenten die Neue-Deutsche-Welle-Band Trio groß gemacht.

Für die New York Fashion Week 2009 verspricht Kühne Glamour. Er will mit der Idee von falschen Pelzen spielen, und den Stil der 40er-Jahre auf die Zukunft treffen lassen. Ihn reizt die Balance zwischen Ratio und Lust. "Insgesamt wird es durch die Auswahl der Stoffe etwas romantischer als meine Sommerkollektion", sagt Kühne. Nicht nur Schauspielerinnen und Sängerinnen wie Gwyneth Paltrow, Lindsay Lohan, Kate Winslet, Mariah Carey oder Jennifer Lopez tragen seine Kreationen, sondern auch die gut betuchten Stammkundinnen von großen New Yorker Modehäusern wie Bergdorf Goodman und Barneys. Kühne wurde zudem gerade für den renommierten National Design Award nominiert.

Inzwischen hat Kühne auch Investoren gefunden. Markus Höfels und Jürgen Schnappinger waren im vergangenen Sommer auf ihn und seine Mode aufmerksam geworden. Mit ihrer Icon Fashion Group verstehen sich Höfels und Schnappinger nicht als bloße Geldgeber, sie kümmern sich auch um die komplette Infrastruktur für Produktion, Vertrieb und Pressearbeit. "Kai hat uns mit seiner Geradlinigkeit, Klarheit und Tragbarkeit beeindruckt. Wir waren uns sofort sicher, dass er sich auf höchstem Niveau durchsetzen kann", sagt Höfels. "Eigentlich ist es ja verrückt, in Zeiten der Rezession in eine Modefirma zu investieren. Keine Bank der Welt würde das tun. Und trotzdem bin ich mir sicher, dass es klappt."

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