Lebensmittelkennzeichnung
Streit um die Nährstoff-Ampel

Bundesregierung und EU wollen, nach britischem Vorbild, „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel kennzeichnen – ein Plan, der nicht nur für Begeisterung sorgt. Die Industrie fühlt sich zu Unrecht gemaßregelt und nimmt den Verbraucher in die Pflicht.

KÖLN. Die Nachricht hatte Gewicht: 75 Prozent der Männer und mehr als jede zweite Frau in Deutschland sind zu dick. Die International Association for Study of Obesity hat die Deutschen im Frühjahr zu den fettesten Europäern erklärt, was sich nicht nur schlecht im Straßenbild macht, sondern der Studie zufolge auch das Gesundheitssystem mit fast 20 Mrd. Euro pro Jahr belastet.

Die Reaktion der Politik ließ deshalb nicht lange auf sich warten: Mit dem Nationalen Aktionsplan „Gesunde Ernährung und Bewegung“ sollen Ernährung und Bewegungsverhalten der Deutschen bis zum Jahr 2020 verbessert werden. Die Regierung will vor allem den Trend zum Übergewicht bei Kindern stoppen. Ziel ist es, den Nachwuchs möglichst früh über gesündere Ernährung und Bewegung aufzuklären und in Schulen, Kantinen und Seniorenheimen statt Pommes und Currywurst künftig ausgewogenes Essen aufzutischen.

Zugleich fordert Gesundheitsministerin Ulla Schmidt von der Lebensmittelindustrie eine verbesserte Kennzeichnung der Inhaltsstoffe auf der Verpackung. Schließlich könne der Einzelne nur dann Verantwortung für seine Ernährung übernehmen, wenn er wisse, was wirklich in dem Produkt drinsteckt.

Insbesondere der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz soll durch ein vereinfachtes Zeichen ausgewiesen werden, fordern auch die Verbraucherzentralen. So soll künftig jedes Lebensmittel im Supermarktregal eine Ampel auf seiner Verpackung tragen, auf der sich ablesen lässt, ob das Lebensmittel gesund oder ungesund ist. In Großbritannien ist dies bereits gängige Praxis. Auch die Europäische Union erklärte mit der Europäischen Charta zur Bekämpfung von Fettleibigkeit, dass die Kennzeichnung von Lebensmitteln ausgesprochen wichtig sei.

Die Pläne stoßen nicht nur auf Applaus. „Die Industrie ist doch nicht Schuld daran, wenn jemand zu viel isst“, ärgert sich Jürgen Abraham, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). „Wer viel isst und sich wenig bewegt, wird auf Dauer Probleme mit seinem Gewicht bekommen“, sagt er und setzt voll auf die Eigenverantwortung der Verbraucher.

„Mehr Kennzeichnung bedeutet nicht, dass sich Essverhalten oder gar Esskultur ändert.“ Vor allem fürchtet Abraham, selbst Schinken-Produzent, dass eine Kennzeichnungspflicht den Herstellern zusätzlichen bürokratischen Aufwand und damit Extra-Kosten aufbürdet.

Die Ernährungsindustrie lehnt das Ampelsystem rundheraus ab. „Es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel – allein von daher macht eine Ampel keinen Sinn, sondern ist eher irreführend“, sagt Abraham. In einer guten Ernährung hätten alle Lebensmittel ihren Platz, weshalb allein die Nährwertangaben hilfreich seien. Zudem existierten für die Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln schon jetzt zahlreiche rechtliche Regelungen. Die meisten Hersteller bieten freiwillig weitere Informationen, etwa über Energiegehalt, Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate. Hotlines für Verbraucher und Internetportale werden zwar nicht sehr umfangreich genutzt, stehen aber in vielen Fällen zur Verfügung. Der Lebensmitteltechniker Udo Pollmer, Autor des „Lexikons der Nahrungsirrtümer“ und sonst nicht unbedingt ein Freund der Lebensmittelindustrie, hält eine Etikettierung von „guten“ und „schlechten“ Lebensmitteln sogar für eine ernste Gefahr: „Der Appetit wird über den Instinkt gesteuert“, erklärt Pollmer. „Und wenn versucht werden sollte, diesen Trieb durch eine Ampelkennzeichnung in künstliche Bahnen zu lenken, stehen der Gesellschaft massenhaft Fälle von Mangelernährung bevor.“

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