Max Grundig
Der Mann unter Strom

Max Grundig entließ Kritiker, verbreitete Angst unter Mitarbeitern und warf Geräte aus dem Fenster. So wurde der Patriarch zu einem der erfolgreichsten Unternehmer der Nachkriegsgeschichte - und so stürzte er auch wieder ab.
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Alexander Mayer könnte eine Menge erzählen über Max Grundig, den Radio- und Fernsehpionier, dem sein verstorbener Vater zur Hand ging im Pioniergeschäft, fast 40 Jahre lang als Entwicklungschef. Aber erst einmal erzählt Alexander Mayer gar nichts. Er stellt einfach ein schwarzes Kofferradio in die Herbstsonne auf seinen Terrassentisch am Stadtrand von Fürth.

Zwei Dinge müsse man wissen über diesen Grundig-Weltempfänger Satellit 500, sagt Mayer: "Der ist 20 Jahre alt und einmal aus dem zweiten Stock gefallen." Dann drückt er auf ein graues Knöpfchen und dreht am Regler. Zunächst schwimmt ein Rauschen auf der Kurzwelle daher, und auf dem Rauschen, plötzlich bei 9 430 Kilohertz, eine sehr weiche, sehr aufgeregte und klare Frauenstimme. "Radio Vietnam", sagt Mayer. Man versteht kein Wort von dem, was die vietnamesische Sprecherin da gerade so bewegt, oder doch, eines: "Obama". Es seien übrigens 8 500 Kilometer von Fürth nach Hanoi, sagt Mayer.

Sicher, sagt Mayer, heute sei das alles übers Internet zu haben, Radio Teheran, Radio Quito, ganz ohne Rauschen. Aber um zu verstehen, wie Max Grundig aus einem kleinen Radioladen in der Sternstraße zu Fürth einen Giganten der Unterhaltungselektronik machen konnte, dazu, findet der Historiker Mayer, der als Fürther Stadtheimatpfleger besonders das Andenken Grundigs pflegt - dazu müsse man sich erinnern, dass nach dem Krieg Radio und Fernsehen "ein Abenteuer waren für die Menschen", ein Tor zur Welt hinter den Trümmern, zu Nachrichten aus Berlin und Jazz aus Amerika.

Max Grundig, ein Sturschädel und Patriarch

Max Grundig war ein deutscher Wirtschaftswundermann, so wie die Versandhändler Gustav Schickedanz und Werner Otto, so wie der Schiffsbauer Willy Schlieker oder der Automobilunternehmer Carl Friedrich Wilhelm Borgward. Sie waren die Söhne von Kesselschmieden, Kohlefahrern und Lagerarbeitern, sie kamen, mehr oder weniger, aus dem Nichts. Sie waren Ärmelaufkrempeler, rastlos und kühn. Sie zeigten den Deutschen, was möglich war, wenn man sich um das Mögliche nur nicht scherte. Sie kannten nur eine Richtung: nach vorn. Und viele von ihnen wussten nicht weiter, als es nach vorne nicht mehr ging.

Max Grundig war ein Gesicht dieser Generation, der Kleinbürger als Großunternehmer, beispiellos im Aufstieg und fast genauso sehr im Fall. Die Marke, die seinen Namen trug, wurde zu einem Stück deutscher Identität. Wer wieder etwas war, stellte sich Grundigs Musiktruhe "Zauberspiegel" in Nussbaum ins Wohnzimmer, beschallte mit dem tragbaren Radio "Boy" Kleingartenanlagen und Baggerseen. In seinem Glauben an sich selbst ließ sich der fränkische Sturschädel von nichts erschüttern, nicht von der Realität und schon gar nicht von Leuten, die ihm Ratschläge erteilen wollten.

Doch so versäumte der Patriarch auch, das Haus, das er gebaut hatte, zu bestellen. Er mochte etwas geschaffen haben, das Generationen hätte währen können, aber eines hatte er nicht: einen Erben. Die Grundig-Dynastie währte nur ein Menschenleben lang. Nürnberg-Gostenhof ist zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein Kleine-Leute-Viertel, die Grundigs gehören dort zu den kleineren Leuten. Emil Grundig hat eine gute Arbeit im Lager der Hercules-Zweirad-Werke, aber von den 278 Reichsmark Monatslohn muss er sieben Münder stopfen. Sein ältester Sohn Max ist zwölf, als der Vater an den Folgen einer stümperhaften Blinddarm-Operation stirbt. "Ich habe von früh bis abends Hunger gehabt", wird Max Grundig später sagen.

Aufstieg aus der Armut

Am 29. Oktober 1923 beginnt mit dem Sendestart im Berliner Voxhaus die Geschichte des Rundfunks in Deutschland. In Nürnberg-Gostenhof kauft sich der Knabe Max Grundig für seine paar Groschen Taschengeld 100 Meter Antennendraht. Er zieht den Draht durch die Wohnung und den Hinterhof, er schraubt herum an seltsamen Apparaten, immer auf der Jagd nach Stimmen aus dem Nirgendwo. Er ist ein begabter Bastler, bald hat er die Stimmen gefangen. Er wird kaufmännischer Lehrling beim Nürnberger Installateur Hilpert, sein karges Gehalt liefert er bei der Mutter ab. Installateure haben damals die ersten Radios im Sortiment, und 1926 darf Grundig dienstlich zur Großen Deutschen Funkausstellung nach Berlin fahren. Als er zurückkommt, weiß er, dass er mit den Stimmen aus dem Nirgendwo sein Brot verdienen will.

Kommentare zu " Max Grundig: Der Mann unter Strom"

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  • Zitat: Einen Radio-Baukasten, der keiner Zulassung bedarf: ein paar Holzbretter, drei Drehschalter, eine Handvoll Platinen, ein halbes Dutzend Kabel. Dazu noch ein handgezeichnetes Schaltbild, bloß die Röhren muss man separat besorgen. Ende Zitat.
    Es gab mehrere Versionen des Heinzelmann, aber die obige Aufstellung zeugt von völliger Unkenntnis des Prosadichters.
    Auch die separat zu besorgenden Röhren sind nicht wirklich belegt, wohl aber von RVF (Grundig) gestempelte Telefunkenröhren in den Heinzelmännern.
    Rainer Doepgen

  • An zweui Dinge denke ich, wenn ich an das Ende von Grundig denke. Es will mir nicht in dne Kof, daß das grö0ße europäische Fernseh-Unternehmen sich nie mit der Produktion von Computer-Monitoren beschäftigt hat. Die Stückzahlen waren nicht so hoch, aber die Margen waren in der Anfangszeit gewaltig. Und wer die Entwicklung der iT-Technik sieht, dann weiß man um die Volumina, die hätten produziert werden können.

    Ein guter Freund meines Vaters war einer der größtzen Grundig-Händler in Dtzld und wenn er in Nürnberg war, aß er immer mit Max Grundiog zusammen zu mittag. Dieser Freund meinte einmal, als die Holländer kamen, ahabensie erst mal alle guten ingenieure abgeworben. Grundig wurde seine Seele gestohlen, der Abstieg war danach nuer noch eine Frage der Zeit.
    v. blücher

  • Guten Tag,.... Zu Recht reden Sie von der buehlerhoehe, nebenan ist eine Klinik die zu Recht den Namen diese grossen Mannes traegt. Er war noch ein echter Kerl, und die buehlerhoehe ist zweifellos das beste Hotel in dem ich je war. Ohne Schicki Micki, ohne hochnaesiges Personal, ein Laden der Stil und Charme hat. Das Adenauer-Zimmer mit Kamin ist legendaer. Glauben Sie mir ich habe mich Weltweit ueber viele Hotels geaergert, aber Dank Max Grundig ist die buehlerhoehe eine Oase des Friedens und der Entspannung. Max Grundig gehoerte nicht zu diesen aalglatten Jungmanagern die beim ersten warmen Schuss in die Hose kacken. Seid froh dass ihr solche Maenner nach dem Krieg in Euren Reihen hattet. besten Dank

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