Neue Sicherheitstechnik bei Gabelstablern
Überholmanöver vorm Hochregal

Gabelstapler sind aus keinem Lager wegzudenken. Doch es häufen sich die Unfälle: Rund 12 000 Unglücke ereignen sich pro Jahr, davon 30 bis 40 mit tödlichem Ausgang. Grund ist oft überhöhte Geschwindigkeit - und mangelnde Erfahrung der Piloten.

STUTTGART. "Tödlicher Unfall mit Gabelstapler", lautet die Schlagzeile in einer Hamburger Zeitung vor eineinhalb Jahren. Ein 19-Jähriger starb damals am Schuppen 29 am Kirchenpauerkai, weil er mit seinem Stapler zu schnell gefahren war. Wie die Polizei später ermittelte, war das schwere Gefährt in einer Kurve umgekippt und hatte den jungen Mann unter sich begraben, nachdem er aus dem Führerhaus gefallen war.

Rund 12 000 Unfälle mit Gabelstaplern registrieren die Berufsgenossenschaften pro Jahr, davon 30 bis 40 mit tödlichem Ausgang. "Die Hauptunfallursache ist die Unachtsamkeit der Fahrer", sagt Marion Pieper-Nagel vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat e.V. Die unterschätzen häufig die Gefahren beim Transport in Lagerhallen oder auf dem Weg in die Fertigung. "Dabei ist es relativ einfach, hier gegenzusteuern", meint Markus Kirchartz, Chef der Euskirchener Beratungsfirma HMK Sicherheit. Das Unternehmen schult mehr als 120 Mittelständler zum Thema Unfallverhütung. Als erste Maßnahme empfiehlt Kirchartz, die Wege zum Beispiel in Lagerhallen und in der Fertigung klar zu trennen. Und zwar wie im Straßenverkehr üblich nach der Fortbewegungsgeschwindigkeit der Teilnehmer. "Links die Flurfahrzeuge und rechts das Personal, das zu Fuß unterwegs ist", lautet sein Rat.

Das Unfallpotential wird schon bei bloßen Eckdaten der Stapler deutlich: Die wiegen mindestens 1,5 Tonnen, tragen bisweilen ebensoviel Last und düsen bis zu 20 Stundenkilometer schnell durch die Lagerhallen. Doch viele Unternehmen unterschätzen die Gefahren. Denn die innerbetriebliche Logistik ist gerade bei kleineren Unternehmen nur ein Rand-Thema, die Sicherheit von Flurfahrzeugen steht erst recht auf keiner Agenda. Hinzu kommt die oft mangelhafte Ausbildung der Stapler-Piloten. "Viele Chefs setzen unerfahrene Mitarbeiter hinters Steuer", bestätigt Kirchartz. Denn längst nicht jeder, der regelmäßig auf einem Hubstapler sitzt, hat eine Schulung absolviert. Vermutlich, weil die mit bis zu 200 Euro zu Buche schlägt. Da hilft es dann auch nichts, dass die Berufsgenossenschaften den Staplerführerschein eigentlich zur Auflage gemacht haben.

Ignoriert wird ebenso die Anschnallpflicht, die für die Fahrer gilt. "Wer am Tag zwanzig Mal auf- und absteigen muss, für den ist das Anlagen des Beckengurts eine lästige Pflicht", erklärt Jürgen Wrusch vom Gabelstapel-Hersteller Still aus Hamburg die Abneigung. Doch der Hersteller hat aus dem Verhalten der Fahrer gelernt und entsprechende Sicherheitsfeatures entwickelt. So bietet der Flurfahrzeughersteller bei neuen Gabelstapler-Modellen ein Gurt-Bügel-System, das zum Anschnallen zwingt. Denn der Gurt ist im nicht angeschnallten Zustand diagonal über die Frontscheibe gespannt und behindert die Sicht.

Auf solche Sicherheitsfeatures legt auch der Düsseldorfer Logistiker L.W. Cretschmar GmbH & Co. KG wert. "Wichtig ist, dass das Fahrprinzip der Stapler dem von Pkws ähnelt, da die Fahrer häufig wechseln", sagt Joachim Walter, Lagerleiter des Standortes Wuppertal. Dort schlägt das Unternehmen pro Jahr auf einer Fläche von 8 500 Quadratmetern 350 000 Sendungen mit einem Gesamtgewicht von 370 000 Tonnen um - entsprechend reger Verkehr herrscht auf dem Gelände. "Außerdem legen wir Wert auf die tief liegende Einstiegshöhe, da die Mitarbeiter oft ein- und aussteigen müssen, unter anderem zum Scannen." Denn gerade bei Lagerarbeiten ist Zeit Geld, bei größeren Einstiegshöhen müssten die Fahrer ständig aus dem Cockpit raus- und wieder reinklettern - mit entsprechenden Unfallrisiken. Weitere Safety-Merkmale sind die mit einem Antirutschbelag versehene Trittstufe, die individuell einstellbare Lenksäule und extra breite Gas- und Bremspedale.

Doch nicht alle Spediteure und Lagerverwalter sind so weitsichtig, beobachtet Berater Kirchartz: "Firmen ignorieren Folgekosten, die nach Arbeitsunfällen anfallen." Berufsgenossenschaften rechnen mit 300 Euro pro Tag, wenn ein Mitarbeiter krank geschrieben ist. "Das sind bei zwei Wochen Ausfallzeit rasch mehrere tausend Euro. Davon lässt sich manches Sicherheitsfeature bezahlen", sagt der 38-jährige Arbeitsschutzexperte.

Neben der Technik der Stapler gehört zu einer höheren Sicherheit auch ein angepasstes Unternehmensumfeld. Lars Gerards vom A.U.G.E. Institut der Hochschule Niederrhein in Krefeld arbeitet an einem Projekt zur Optimierung von Produktionsabläufen und des Warentransports. Seiner Erkenntnis nach nehmen Staplerfahrer und Unternehmen das Unfallrisiko häufig bewusst in Kauf. "Weil ihre rasante Fahrweise oft seit Jahren geduldet wird, achten die Fahrer nicht auf ihre gehenden Kollegen oder Ware, die den Weg versperrt", sagt Gerards. Deshalb seien Workshops mit allen Lagermitarbeitern sinnvoll, in denen Arbeitsabläufe analysiert und verbessert würden. Denn oft verursache Termindruck beim Einzelnen Stress, der dann im schlimmsten Fall zum Unfall führt.

Ladungssicherung

Auch beim Transportverkehr auf öffentlichen Straßen liegt einiges im Argen, vor allem bei Thema Ladungssicherung sehen Experten Handlungsbedarf. Denn meist sind sich die Fahrer der Risiken, die von loser Ladung ausgehen, nicht bewusst. Die Berufsgenossenschaft für Fahrzeughaltung in Hamburg sieht viele Lastwagen als tickende Zeitbomben: Bis zu 70 Prozent der Ladungen seien unzureichend gesichert. Dabei muss es für einen Schaden gar nicht unbedingt zu einem Unfall kommen: Bei einem Drittel aller Fahrten ohne Ladungssicherung wird das Frachtgut während des Transports beschädigt. "In Speditionen mit 100 Mitarbeitern sind oft ein bis zwei Leute nur mit Lieferreklamationen wegen beschädigter Ware beschäftigt", sagt Havariekommissar Karl-Heinz Fuchs, Sachverständiger bei der baden-württembergische Autobahnpolizei für Lkw-Unfälle.

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