Pioniere der Einheit
Von der Industriekloake zur Zukunftshoffnung

20 Jahre nach dem Mauerfall blühen in den neuen Ländern die Landschaften dort, wo Menschen anpackten, um Markt und Marktwirtschaft zu nutzen. Wie sich Bitterfeld, die einst schmutzigste Stadt Europas, trotz aller Probleme zu einem Wirtschaftsstandort mit Zukunft entwickelt. Ein Blick hinter die Kulissen.

BITTERFELD. Die Frau, die etwas zu laut spricht, erinnert sich in einem dunklen Büro an jenen Vormittag vor 18 Jahren, an die drei Männer. Sie sagt, dass sie eine gewisse Bitternis wohl nie mehr loswerde, trotz allem nicht.

Nicht weit entfernt läuft ein Mann mit rundem Gesicht, 53 Jahre alt, durch ein weiß gefliestes Treppenhaus, vorbei an einer Vitrine, die ihn täglich daran erinnert, wie der Zufall ihm die Pläne nahm, die er sich für sein Leben zurechtgelegt hatte.

Am Ortsrand steht breitbeinig der Boss zwischen zwei Fußballplätzen, denen man ansieht, dass sie viel Geld gekostet haben. Er sagt, jener Tag habe sich auf immer in sein Gedächtnis gebrannt. Er, eine Hand voll Männer und eine Rauchpause, in der sie auf einmal daran glaubten, endlich das Glück in ihren Ort zu locken.

Die Frau, der Mann mit dem runden Gesicht und der Boss sind es inzwischen gewohnt, dass an Tagen wie diesen der Himmel über ihnen blau leuchtet. Aber sie haben nicht vergessen, dass einmal alles anders war. Dass der Name ihrer Gegend nur noch ein anderes Wort war für Gift und Lebensgefahr. Chemiekombinat Bitterfeld, DDR. Das Sinnbild eines ruinierten Staates.

Gleißendes Sonnenlicht liegt über dem Gewerbegebiet in Bitterfeld-Wolfen, über ein paar versteppten Rasenflächen und grauen Produktionshallen, zwischen denen die Maba Spezialmaschinen GmbH ihren Sitz hat. Ingrid Weinhold ist die Chefin. Ihr Büro im ersten Stock, mit dunkelbraunen Furniermöbeln und wenig Tageslicht, verstärkt den Eindruck, dass Ingrid Weinhold leuchtet. Kanariengelbes Jackett. Rahmenlose Brille mit blau getönten Gläsern. Große goldene Ringe an beiden Händen. Sie spricht etwas lauter, als es nötig wäre. Der Wille, nicht zu verschwinden, ist ihr vor langer Zeit ins Wesen übergegangen.

Sie liebe ihre Arbeit und den Erfolg, sagt sie. Es sei ja alles gutgegangen. Maba, 50 Mitarbeiter, stellt Präzisionsmaschinen für die Industrie her. Ingrid Weinhold sagt, es laufe gut, sie habe immer noch Schulden und manchmal auch Angst. "Aber ich würde alles wieder genauso machen."

Ihre Geschichte steht für eine der erstaunlichsten Verwandlungen, die die deutsche Vereinigung hervorgebracht hat. Die Entwicklung Bitterfelds, der schmutzigsten Stadt Europas, auf die jeden Tag 180 Tonnen Flugasche niederrieselten und in der giftige Abwässer den Boden verseuchten, zu einem Wirtschaftsstandort mit Zukunft. Innerhalb weniger Jahre nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 haben sich Hunderte Firmen angesiedelt, haben sich Zentren herausgebildet, und aus einem der jungen Unternehmen, dem Solarzellenhersteller Q-Cells, ist in atemberaubend kurzer Zeit ein Weltmarktführer geworden.

Ingrid Weinhold wurde am 24. Januar 1958 geboren, in Wolfen. Wolfen und die Filmfabrik waren eins, "schon immer", sagt Ingrid Weinhold, so wie Bitterfeld und die Chemiewerke eins waren. Dass die Region Bitterfeld-Wolfen zu einem der wichtigsten Chemiezentren Deutschlands wurde, hat mit Walter Rathenau zu tun. Der Industrielle, Schriftsteller und Außenminister gründete 1893 im Auftrag der AEG die ersten elektrochemischen Werke. Zwei Jahre später legte die Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation zu Berlin, kurz Agfa, ihren Grundstein. Der Baugrund war günstig, es gab eine Bahnlinie und reichlich Braunkohle. 1910 begann die Produktion, Agfa wurde zur größten Filmfabrik Europas, zur zweitgrößten der Welt. Ab 1925 gehörte sie zur IG Farben.

Der Krieg schadete den Werken kaum. Dann kamen die Amerikaner und zogen wieder ab. Dann kamen die Russen. Sie demontierten über die Hälfte der Industrieanlagen, brachten sie in die Sowjetunion und bauten sie dort wieder auf. Mit den Anlagen gingen die Spezialisten.

Dann diktiert der Mangel. Veraltete Anlagen, kaum noch Forschung, vergiftete Umwelt. Am Ende ist Bitterfeld, 35 Kilometer nördlich von Leipzig, wie die DDR: heruntergewirtschaftet.

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