Schiesser-Gläubiger entscheiden
Aus der Insolvenz an die Börse

Für einen Börsengang braucht ein Unternehmen in der Regel eine Erfolgsgeschichte. Eine Insolvenz ist so ziemlich das Gegenteil davon. Dennoch stimmen die Gläubiger des traditionsreichen Wäscheherstellers Schiesser heute darüber ab, ob sie den Weg für eine Aktienplatzierung frei machen.
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DÜSSELDORF. Im Amtsgericht Konstanz versammeln sich an diesem Donnerstag um 14.45 Uhr die Gläubiger von Schiesser. Sie entscheiden über die Zukunft des vor 135 Jahren vom Schweizer Unternehmer Jacques Schiesser gegründeten Wäscheherstellers.

Insolvenzverwalter Volker Grub hält das Traditionsunternehmen aus Radolfzell für einen "Ausnahmefall" und hat einen kühnen Plan: "Wir gehen mit dem derzeit noch insolventen Rechtskörper an die Börse." Ein ähnliches Unterfangen ist in Deutschland bisher nur einmal gelungen. Es war ebenfalls Grub, der 1986 die von der Insolvenz der Bauknecht-Gruppe betroffene ATB Antriebstechnik an die Börse brachte.

Damals allerdings übertrug der Insolvenzverwalter die wesentlichen Vermögensgegenstände auf eine neue Gesellschaft. Diesmal will der 73-Jährige, der Erfahrung aus mehr als 500 Insolvenzverfahren in 41 Jahren hat, einen anderen Weg gehen: "Schiesser ist eine tolle Marke. Eine Gesellschaft, die so alt ist, darf man nicht untergehen lassen." Dafür sprechen ihm zufolge auch steuerliche Gründe: Durch den Erhalt der Schiesser AG lasse sich das Aufdecken stiller Reserven vermeiden.

Heute will Grub die rund 500 Gläubiger dazu bringen, ihre Forderungen in Höhe von insgesamt 67 Millionen Euro zu stunden. Er hat keine Zweifel, dass er eine Mehrheit für seinen Insolvenzplan gewinnt. Dann würde das Insolvenzverfahren Ende Dezember aufgehoben. Der für das zweite Quartal 2011 geplante Börsengang soll "deutlich mehr" Geld in die Kasse spülen als Grub braucht, um die Gläubiger vollständig auszubezahlen. So hätte Schiesser neue Ressourcen für die Zukunft.

Der Insolvenzverwalter will an eine glanzvolle Vergangenheit anschließen. Schon im 19. Jahrhundert erarbeitete sich Schiesser einen Weltruf, exportierte bis nach Indien, China und Japan. Gut 100 Jahre später, 1990, übertraf der Umsatz eine halbe Milliarde D-Mark, Ende des Jahrzehnts hatte die Marke in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von über 90 Prozent.

Insolvenz musste Schiesser im Februar 2009 anmelden, weil das Lizenzgeschäft für Marken wie Puma, Tommy Hilfiger oder Levi's gewaltige Verluste eingebracht hatte. Es band sehr viele Mittel, die dann im stets profitablen Kerngeschäft fehlten. Hinzu kam eine missglückte EDV-Umstellung im Jahr 2006. Sie brachte die Produktion völlig durcheinander und verstärkte die Schieflage.

Der dreiköpfige Vorstand um den Sprecher Rudolf Bündgen soll nach der Insolvenz im Amt bleiben. Nur eines der Vorstandsmitglieder hat Grub eingestellt. Schon vor einiger Zeit hatte Grub gesagt, er könne sich vorstellen, "mehr zu machen als nur Unterwäsche". Näher äußern will er sich zu seinen Plänen nun nicht.

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Kommentare zu " Schiesser-Gläubiger entscheiden: Aus der Insolvenz an die Börse"

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  • ich weiss nicht, wie lange so etwas noch funktionieren wird, dass man für "Eigentum am Unternehmen" (oder noch nicht mal das, siehe Vorzugsaktien) einen Kredit einfährt, den man nie zurück zahlt. Da ist ein "schwarzes Loch" in einem Finanzinstrument eingebaut, das Aktie heisst.

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