Studie
Betriebe verschenken Geld

Viele deutsche Unternehmen schöpfen ihr Liquiditätspotenzial nicht aus – und verlieren damit Rendite. "Deutsche Unternehmen lassen noch viele Möglichkeiten ungenutzt, wenn es darum geht, Liquidität zu schöpfen", sagt Bernd Richter, Partner bei der Wirtschaftsprüfung- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young.

BERLIN. Zahlreiche deutsche Unternehmen verzichten darauf, ihre Liquiditätsreserven anzuzapfen und ihre Verschuldung zu senken. Das ist das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsprüfung- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Die Wirtschaftsprüfer haben im Rahmen ihrer Studie die Bindung von Mitteln im sogenannten Working Capital von 1 000 europäischen Unternehmen näher untersucht, darunter 120 börsennotierte Betriebe aus Deutschland. Mit Working Capital bezeichnet man den Teil des Unternehmensvermögens, der in den operativen Einkaufs-, Produktions- und Verkaufsprozessen gebunden ist. Es macht bei deutschen Unternehmen im Durchschnitt rund ein Fünftel des eingesetzten Kapitals aus.

"Nach unserer Erfahrung lassen sich in jedem Unternehmen noch Summen in der Größenordnung zwischen fünf und zehn Prozent des Umsatzes freisetzen", urteilt Carsten Lehberg, Senior Manager bei Ernst & Young, mit Blick auf deutsche Betriebe. Für den Finanzexperten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Niels Ölgart, beleuchtet die Studie eine "seit Jahren bekannte Auffälligkeit deutscher Unternehmen". "Insbesondere kleine und mittlere Betriebe scheuen sich vor der Anwendung alternativer Finanzierungsformen wie beispielsweise dem Factoring", so Ölgart.

Allerdings haben sich die Berater bei ihrer Studie auf börsennotierte Gesellschaften mit öffentlich zugänglichen Jahresabschlüssen konzentriert, um Interessenkonflikte mit eigenen Kunden zu vermeiden. Die Umsätze der untersuchten Unternehmen liegen zwischen 300 Mill. Euro und 130 Mrd. Euro. Zwar haben deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren bereits Fortschritte dabei erzielt, den Anteil des gebundenen Kapitals zu reduzieren. So wurde in den vergangenen vier Jahren das Working Capital um gut ein Achtel oder 17 Mrd. Euro verringert. Doch im Vergleich zu europäischen Unternehmen nimmt sich das bescheiden aus. Gemessen am europäischen Durchschnitt kommt Ernst & Young auf einen Rückstand von 48 Mrd. Euro.

Auf gewaltige 115 Mrd. Euro beläuft sich der Rückstand, wenn man deutsche Unternehmen mit den Wettbewerbern im europäischen Ausland vergleicht, die das effizienteste Cash-System betreiben. Aufgrund unterschiedlicher Rechnungslegungsvorschriften ist die internationale Vergleichbarkeit von Working Capital allerdings nur zum Teil gegeben, bemerkt der DIHK-Experte Ölgart.

Wenn deutsche Unternehmen jedoch aufschließen könnten, wären die Auswirkungen spürbar. Mit den Liquiditätsgewinnen könnten die Unternehmen "ihre Netto-Verschuldung um neun bis 21 Prozent senken und ihre Rendite auf das eingesetzte Kapital von 9,8 Prozent auf 10,3 bis 11,1 Prozent steigern, rechnet Ernst & Young vor.

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