Tiermarkt
Fressnapf-Chef: Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Mit seinen Tierfachmärkten hat Torsten Toeller die Branche auf den Kopf gestellt. Jetzt will der Fressnapf-Gründer mit einer neuen Idee auch im Internet die Marktführerschaft an sich reißen. Für die Sorgen seiner Franchisenehmer bleibt da kaum Zeit.

KREFELD. Ausgerechnet das Büro des Chefs ist bei Fressnapf eine tierfreie Zone, sieht man mal von dem Pop-Art-Goofy an der Wand ab. Kein Aquarium, kein Korb für den eigenen Mischlingshund Sunny, keine Voliere für Mitarbeiter-Vögel, obwohl sich doch das ganze Geschäftsmodell aufs Wohlergehen der Tiere konzentriert. Torsten Toeller, Chef und Gründer der Tiermarktkette, kann vom fünften Stock der Fressnapf-Zentrale in Krefeld seinen Weitblick üben. Durchs Fenster guckt er von Krefeld über den Bayer-Chemiepark und den Rhein bis zu den rauchenden Schloten in Duisburg. Rumsitzen im Büro liegt ihm aber eher nicht. Lieber zeigt der umtriebige Toeller Besuchern sein kleines Reich.

Toeller verkörpert den Typus Unternehmer, der in Deutschland so selten vorkommt wie ein Panther im Urwald: Er hat es vom Fachschulabsolventen zum Marktführer gebracht. Zwar mit einigen guten Kontakten aus den elterlichen Rewe-Supermärkten im Rücken, jedoch ohne nennenswertes Start-Erbe. Von Krefeld aus lenkt er heute Europas größte Tierfachmarktkette mit 1000 Märkten, über einer Milliarde Euro Umsatz und einem aktuellen Wachstum von vier Prozent. Insgesamt setzt die Branche für Tierbedarf in Deutschland 3,5 Milliarden Euro um.

Fünf Stockwerke weiter unten ist es mit der tierfreien Zone vorbei. Es geht vorbei an seinem schwarzen Audi A8 auf dem Parkplatz, 300 Meter hinüber zum Laden. Genug Gelegenheiten für den 43-jährigen medienerfahrenen Unternehmer, den alten Toeller zu geben. Wie vor 19 Jahren, als er selber in seinem ersten Fressnapf in Erkelenz am Niederrhein stand und Futter in die Regale räumte. „Hallo, wie geht's euch heute?“, ruft er drei Damen zu, die mit insgesamt sechs Hunden Gassi gehen. „Alles in Ordnung bei dir, ehrlich?“, fragt er die Verkäuferin, die im Markt das Dosenfutter neu sortiert. Fast immer gestikuliert er beim Reden mit seinen Händen. Er führt sie im weiten Kreis auf sein Gegenüber zu, als wolle er die Worte umarmen. Kerzengerade hält er sich dabei – wie es kleine Menschen häufig tun. Mit den nach oben gegelten Haaren versucht Toeller ein paar zusätzliche Zentimeter zu schinden.

Auf der Chefrunde trifft man viele Tiere. Neben dem gigantischen Aquarium in der Eingangshalle macht ein Dackel schwanzwedelnd kurzen Prozess mit dem Trockenfutter, das eigentlich für die Zierfische gedacht war. Mit Sanktionen muss er nicht rechnen. Bei Fressnapf gehören Hunde zur festen Besatzung. „Jeder Mitarbeiter darf hier seinen Hund mitbringen“, sagt Torsten Toeller, Chef und Gründer von Fressnapf. Solange sich die Vierbeiner einigermaßen benehmen, können die Mitarbeiter hier Haustier und Karriere vereinbaren. Fischfutter vertilgen gehört dabei noch zu den lässlichen Sünden. Ein „einmaliger Spirit“ sei das im Unternehmen, sagt Toeller, während er im grauen Anzug mit breitem Krokogürtel aus Viehleder, nicht aus Krokodil, das Hemd ohne Krawatte, durch seinen Krefelder Fressnapf-Markt marschiert. Wie um seine Einschätzung zu untermauern, kommt deshalb auch jeder der 1400 Angestellten in der Krefelder Zentrale in den Genuss einiger persönlicher Worte des Chefs, wenn er Toeller heute irgendwo auf dem Firmengelände begegnet.

Das ist der Rheinländer in ihm. Er geht auf die Leute zu, redet gerne und viel. So funktioniert das System Toeller. Schnell ist der gebürtige Kölner beim vertrauensvollen Du, entwirft Ideen für den Massenmarkt und begeistert Mitarbeiter wie Geschäftspartner. Das war nicht immer so. In den frühen 90er-Jahren hatte Toeller nur Gelächter vom bis dahin wenig professionellen Tierfachhandel geerntet. Die alteingesessenen Händler, überwiegend Tiernarren mit kleinen Läden ohne große kommerzielle Ambitionen, glaubten nicht an das Konzept der neuen Futter-Supermärkte. „Wir haben ihn nicht früh genug ernst genommen“, sagt Herbert Bollhöfer heute. Der Ehrenpräsident des Zentralverbands zoologischer Fachbetriebe würde sich trotzdem wünschen, dass Toeller den Verband zu mehr nutzt als zur Heimtier-Lobbyarbeit auf europäischer Ebene in Brüssel. Zum Beispiel zur gemeinsamen Berufsausbildung für Zoo-Fachverkäufer. Doch mehr als „freundschaftliche Zurückhaltung“ sei bei Toeller jetzt nicht mehr drin, bedauert der frühere Verbandspräsident. Dabei bewundern die alten Hasen wie Bollhöfer inzwischen Toellers Riecher für das Geschäft, das er sich in knapp 20 Jahren aufgebaut hat.

Genauso schnell wie er Konzepte entwickelt, verwirft er sie aber auch, wenn die Zeit noch nicht reif ist. Dazu zählte auch der Internet-Shop. „Wir haben ein paar Millionen Euro im Online-Markt versenkt, weil wir damals einfach zu früh waren“, sagt Toeller, der das E-Commerce-Abenteuer schon 2002 beendete. Jetzt soll der zweite Versuch erfolgen. „Wir steigen wieder ein“, sagt Toeller. Der neue Internetauftritt soll im November online gehen. Der Markt für den Internet- und Katalogversand von Tierzubehör sei in Deutschland auf über 100 Millionen Euro gewachsen. Daher ist die Zeit für das Comeback reif. Und für eine neue Idee: Im Frühjahr folgt ein Portal im Internet, über das Dienstleistungen wie Reisen und Versicherungen für Tierhalter angeboten werden. Dem eigenen Selbstverständnis entsprechend will Toeller auch mit Fressnapf.de Marktführer werden. Diesmal könnte es aber schwieriger werden, weil die Konkurrenz gewarnt ist. Den Fehler, den Mann mit dem Stoppelbart und dem kleinen Doppelkinn noch einmal zu unterschätzen, werden sie nicht noch einmal machen.

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