Verkehrsinfrastruktur wird im Eiltempo ausgebaut
Marokko soll zur Handelsdrehscheibe werden

Auch wenn nur wenige deutsche Unternehmen es bisher erkannt haben, Marokko entwickelt sich zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort. König Mohammed VI. treibt ein ehrgeiziges Reformprogramm voran. Der Erfolg gibt ihm Recht: Die Direktinvestitionen steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt und im Land herrscht Aufbruchstimmung.

TUNIS. Seit über 300 Jahren herrscht die Dynastie der Alawiten in Marokko und mit ihr steht König Mohammed VI. in der direkten Nachfolge des Propheten. Als politischer Führer verfügt er über mehr Macht als jedes gekrönte Haupt in Europa. Mit dem traditionellen Titel „Führer der Gläubigen“ ist er die oberste religiöse Instanz seines islamischen Staates und ganz nebenbei regiert er noch das größte Wirtschaftsimperium in Marokko. Es mutet paradox an, aber es ist diese Machtfülle, die Mohammed VI. in die Lage versetzt, Marokko in die Moderne zu führen.

Trotzdem muss „M6“, wie der 44-Jährige trotz aller seiner Würden liebevoll genannt wird, behutsam vorgehen. Mit seiner Inthronisierung 1999 hat er die Verantwortung für ein Land übernommen, das unter extremen sozialen Spannungen leidet, unter Analphabetentum, Arbeitslosigkeit und Korruption in der Administration. Die konkrete Terrorgefahr aus dem radikal-islamischen Lager macht die Aufgabe nicht leichter.

Umso beachtlicher ist die Erfolgsbilanz. Auf nahezu allen Gebieten der Gesellschaftspolitik hat Mohammed VI. neue Akzente setzen können, teilweise gegen den Widerstand eines konservativen Parlaments: Familienrecht mit Gleichstellung der Frau, Kampf gegen Armut und Obdachlosigkeit, Reform von Sozialversicherungen und Verwaltung, Verankerung von Menschenrechten. Und die Wirtschaft gedeiht. 2006 wurde ein Wachstum von 8,1 Prozent verbucht, der Außenhandel steigt mit zweistelligen Raten. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland ohne Privatisierungserlöse liegen 2006 doppelt so hoch wie noch 2004 und werden 2007 die Grenze von zwei Milliarden Euro übersteigen. Die Armutsquote ist nach der letzten Analyse der Weltbank seit 1999 von 19 Prozent auf 14 Prozent, die Arbeitslosenquote von 14 Prozent auf heute unter zehn Prozent gesunken.

„Marokko erntet die Früchte seiner Reformen“, kommentiert der Internationale Währungsfonds lakonisch. Der König weiß um die Vorteile einer engen wirtschaftlichen Verflechtung – nicht umsonst hat er mit dem Thema „Die Kooperation zwischen der Europäischen Union und der Union des arabischen Maghreb“ in Frankreich promoviert. Wichtige Positionen in Politik und Wirtschaft hat er mit in Frankreich oder den USA ausgebildeten Fachleuten besetzt, seine Strategie ist klar am westlichen Gesellschaftsmodell ausgerichtet. Auf diese Strategie bauen alle Einzelmaßnahmen: Verschlankung des Staates durch Personalabbau, Privatisierung und Reorganisation, Steuerreform, Liberalisierung der Wirtschaftsgesetze und die Unabhängigkeit der Zentralbank. Nicht alle Maßnahmen sind vollständig, nicht alle haben bereits gegriffen, aber sie haben eine Aufbruchstimmung geschaffen. „Die Unternehmen spüren die frische Luft und beginnen durchzuatmen“, meint Marco Wiedemann, Geschäftsführer der deutsch-marokkanischen Industrie- und Handelskammer in Casablanca.

Die Verkehrsinfrastruktur wird im Eiltempo ausgebaut – Eisenbahn, Flughäfen, Schnellstraßen. Mehr als eine Milliarde Euro sind in den neuen Tiefseehafen bei Tanger investiert worden, der gerade den Betrieb aufgenommen hat. Städte- und Wohnungsbau schaffen Arbeitsplätze, die Bauwirtschaft boomt seit Jahren. Der König will Marokko zur Drehscheibe für den Handel zwischen Europa, USA und Nordafrika entwickeln. Der Assoziierungsvertrag mit der Europäischen Union zielt auf den Freihandel ab 2010. Neue Handelsabkommen mit den USA und der Türkei sind seit Anfang 2006 in Kraft. Das Agadir-Abkommen mit Tunesien, Ägypten und Jordanien fördert den regionalen Austausch. Lediglich die Grenze zu Algerien bleibt wegen des ungelösten Westsaharakonflikts geschlossen. Aber auch dieses schwierige Kapitel steht auf der Agenda des marokkanischen Königs.

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